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Wer trägt die Energiewende? PDF Drucken E-Mail
(c) BEEBonn, 10. Juni 2009

Die  völlig irreale Idee, Sonnenstrom aus den Wüsten hierher zu transportieren, findet bei manchen Umweltverbänden erstaunlicherweise Zustimmung. Wie ist es zu erklären, dass ein Konzept, dass in seinem technokratischen Glauben und seiner Eindimensionalität den 50-er und 60er-Jahren verhaftet ist, ausgerechnet bei Befürwortern Erneuerbarer Energien solchen Zuspruch findet?

Dabei war es gerade die frühe Umweltbewegung, die den Glauben der Menschen an derartige Heilsversprechen erschütterte und sich gegen zentralistische und  undemokratische Strukturen wandte. Akteure wie auch Greenpeace, die in einer aktuellen Studie das Desertec-Modell begrüßen, offenbaren so, dass sie den Charakter und den Funktionsmechanismus der Energiewende, wie wir sie in Deutschland und anderen Staaten erleben, nicht verstehen. Dies betrifft sowohl die Mechanismen, die Akteure, die Potenziale als auch die Vielschichtigkeit der Energiewende.

Es geht nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um einen scharfen Paradigmenwechsel in der Energieversorgung, der Wirtschaft und der Gesellschaft. An die Stelle weniger dominanter Konzerne treten Einzelpersonen, Bürgerunternehmen und Mittelständler, die unsere Energieversorgung demokratisieren. Sie haben fast ausschließlich den bisherigen Verlauf der Energiewende bestimmt und das in einem Tempo, dass sogenannte Experten für unmöglich gehalten hatten.
 
Strom aus der Wüste gibt es aber bis heute nicht, obwohl das Konzept nicht wirklich neu ist. Schon 1998 bewarb der Hamburger Klimaschutz-Fonds in einem Memorandum diese Idee. Die Bedenken von EUROSOLAR-Präsident Hermann Scheer, die er damals im „Solarzeitalter“ äußerte, haben sich bewahrheitet. Das Eintreten von EUROSOLAR für eine dezentrale Energiewende hat sich als richtig erwiesen. Es war das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das den Beginn des Umbaus unseres Energieversorgungssystems bewirkte. Der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromversorgung konnte so seit 2000 von 4 % auf über 15% steigen. Wie erfolgreich das deutsche Modell ist, beweist die hohe Zahl der Nachahmerstaaten: Fast 50 weitere Staaten haben es nach deutschem Vorbild übernommen, zuletzt vor einigen Tagen die kanadische Provinz Ontario.    

Die Großkonzerne hingegen haben sich seit Inkrafttreten der ersten Einspeiseregelung als Bremser betätigt. Sie haben nicht nur die Schäden und Kosten des fossil-atomaren Energiesystems konsequent heruntergespielt, sondern auch die Erneuerbaren Energien in jeder erdenklichen Weise diffamiert und versucht, deren Ausbau zu verhindern. Trotz kostspieliger Werbekampagnen, die das Gegenteil suggerieren sollen, hat sich an dieser Grundeinstellung nicht viel geändert. Immer noch verzögern RWE und EnBW den Netzanschluss von Bürgern, die selbst erzeugten Strom aus Photovoltaik oder Mikro-Blockheizkraftwerken einspeisen möchten.   

Doch anstatt diese Widerstände zu brechen, ist das Vertrauen in die Bereitschaft der Bevölkerung, eine dezentrale Energiewende mitzutragen, bei manchen einstigen Mitstreitern inzwischen geschwunden. Dabei gibt es eine Vielzahl an Beispielen, wie unsere Energieversorgung auf regenerative Energien umzustellen ist. Diese Ansätze gilt es weiterzuverfolgen und zu verallgemeinern.    

Stattdessen wird versucht, ohne jede Notwendigkeit den Weg des vermeintlich geringsten Widerstandes zu gehen, der in die Falle führt.  Einige Umweltverbände haben die gesellschaftlichen Mechanismen der Energiewende vergessen oder nicht verstanden. Denn unabhängig von der Frage der Kosten und der Lebensdauer solcher Anlagen unter den klimatischen Bedingungen einer Wüste stehen doch die Akteure im Mittelpunkt, auch bei der Umsetzung von Desertec. Aufgrund der enormen Dimensionen des Desertec-Konstrukts kommen nur die Großkonzerne in Frage, die bisher die Energiewende nach besten Kräften blockiert und sich schon in den 70-er Jahren gegen den Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung gewandt haben.    

Diese Großkonzerne versuchen momentan, durch den massiven Neubau von Kondensationskraftwerken auf Stein- und Braunkohlebasis, flankiert durch  das Untergraben des Atomausstiegs, den Fortbestand des fossil-atomaren Systems um weitere 30-40 Jahre auf Kosten von Umwelt und Allgemeinheit zu verlängern. Die Diskussion um den Atomausstieg und die Einführung der CO2-Abspaltung in fossilen Großkraftwerken offenbart, dass diese Unternehmen weder vertrauenswürdig noch vertragsfähig sind. Welches Interesse sollten sie haben, für hunderte Milliarden Euro das Desertec-Konzept in die Tat umsetzen? Dennoch wird es von ihren PR-Abteilungen raffiniert gegen die dezentrale Energiewende eingesetzt, denn der Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland lässt ihre Marktanteile sinken. So argumentieren sie schon heute: Warum lokal und regional handeln, wenn irgendwo in  der Ferne mit Desertec ein vermeintlicher Heilsbringer angeboten wird?

Wir befinden uns an einem Wendepunkt. Handeln wir jetzt nicht entschlossen, werden wir in den nächsten Jahren sämtliche Grenzen unseres Klimasystems überschreiten, die den Klimawandel zu einer irreversiblen Katastrophe machen werden. Gleichzeitig müssen wir unsere Wirtschaft von der Abhängigkeit fossil-atomarer Ressourcen lösen, um nicht in eine Krise zu geraten, die die jetzige in den Schatten stellen wird. Dies lässt keinen Aufschub zu für die Fortsetzung des erfolgreichen Ausbaus der heimischen Erneuerbaren Energien. Wachsen die Erneuerbaren Energien in den nächsten Jahren hierzulande aber schnell genug, dass Sie den Bau und Betrieb von unflexiblen fossil-atomaren Grundlastkraftwerke unrentabel machen, ist ein Punkt erreicht, ab dem die Energiewende unaufhaltbar wird. Gelingen wird dies jedoch nur, wenn wir uns darauf konzentrieren.

Utopien beziehen ihre Legitimation aus den Denkanstößen, die sie geben. Aber es macht wenig Sinn, das deutsche Modell des dezentralen Ausbaus der Erneuerbaren Energien zu gefährden, indem suggeriert wird, dass die Desertec-Utopie sich ohne Hindernisse zeitnah von der Powerpoint-Präsentation in die Wirklichkeit umsetzen lässt. Dies unterstützt nur diejenigen Kräfte in Wirtschaft und Politik, die immer noch versuchen, den Umbau unserer Energieversorgung zu blockieren. Die Energiewende gehört in die Hände aktiver, erneuerungsbereiter und kreativer  Menschen. Sie sind die Motoren der Energiewende. Bürger, Vereine, Unternehmen, Kommunen und Stadtwerke, die intensiv an der Umstellung unserer Energieversorgung zu 100%-Erneuerbaren Energien arbeiten. Viele dieser Beispiele finden Sie auf den Internetseiten von EUROSOLAR, unter anderem unter den Preisträgern der Deutschen und Europäischen Solarpreise.

EUROSOLAR 2009

 
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