Am 09. September 2010 startete EUROSOLAR vor dem Hintergrund der Diskussion um verlängerte Laufzeiten für die deutschen Atomreaktoren in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" eine neue Anzeigenaktion "Erneuerbare Energien brauchen keine Brücken". Eine weitere ganzseitige Anzeige erschien am 09. Oktober 2010 in der "Süddeutschen Zeitung".
Die EUROSOLAR-Anzeigenkampagnen in Form ganzseitiger Textanzeigen in den sogenannten Leitmedien haben sich als enorm wirkungsvolles öffentliches Kampagnenmittel erwiesen. Seit über 10 Jahren nutzt EUROSOLAR erfolgreich diese Form der Öffentlichkeitsarbeit.
Keine Energiewende ohne Erneuerbare Energien
"Der unverzügliche Wechsel zu erneuerbaren Energien ist keine Last, sondern die größte greifbare soziale und wirtschaftliche Zukunftschance.", Hermann Scheer, Träger des Alternativen Nobelpreises
25 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl hat uns die Tragödie von Fukushima endgültig vor Augen geführt, dass die Atomenergie ein verhängnisvoller Irrweg ist. Die greifbare Alternative, der sich niemand mehr verweigern kann, sind die Erneuerbaren Energien. Alles spricht dafür, weltweit den Wechsel zu den Erneuerbaren Energien zu beschleunigen. Alles spricht dagegen, ihn aufzuschieben. Die Vorstellung, Atomenergie könne als "Brücke" zu Erneuerbaren Energien dienen, hat sich spätestens jetzt als Illusion erwiesen.
Die fossile und atomare Energieversorgung mit Großkraftwerken und dafür ausgelegten Netzen ist eine krasse Fehlentwicklung. Die Atomenergie hat der Weltzivilisation untragbare Lasten aufgebürdet. Und sie ist nicht beherrschbar. "Es gibt keine fehlerfreien Menschen und keine fehlerfreie Technik, schon gar nicht bei einem Reaktor, in dem zehntausende technische Einzelkomponenten – großenteils hochsensibler Art – haargenau aufeinander abgestimmt sein müssen. "Das bedeutet im Klartext: Weil nicht passieren darf, was passieren kann, darf eine solche Technik nicht eingesetzt werden." So hat es Hermann Scheer in seinem Buch "Der Energethische Imperativ" (2010) formuliert. Selbst ohne die ungelösten Fragen der Lagerung des Atommülls zu betrachten, ohne die Gefahr des Atomterrorismus zu berücksichtigen, sah er in aller Klarheit: "Die Atomenergie ist das vermessenste Projekt der Zivilisationsgeschichte."
Die Diskussion rankt sich heute nur noch um die Frage: Wie groß ist der Zeitbedarf für den vollständigen Wechsel zu Erneuerbaren Energien? Wir sind überzeugt: Wenn wir alle Kräfte zum Nutzen unserer Volkswirtschaft dafür mobilisieren, kann der Wechsel in einem Zeitraum von zwei Jahrzehnten verwirklicht werden, in einigen Ländern und Regionen sogar schneller. Ideen und Rezepte, wie das zu schaffen ist, liegen vor und werden von vielen Menschen schon längst in der täglichen Lebenspraxis angewendet.
Deutschland ist mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz von 2000 zum internationalen Vorbild für den Wechsel zu Erneuerbaren Energien geworden. Der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromversorgung ist seitdem von vier Prozent auf 17 Prozent gestiegen, mit Investitionen in Höhe von über 100 Milliarden Euro. 95 Prozent der Investitionen haben Stadtwerke, Betreibergemeinschaften und individuelle Investoren geleistet. Weit mehr als 100 deutsche Städte und Landkreise haben Initiativen gestartet, innerhalb von zehn bis 15 Jahren ihre Stromversorgung zu 100 Prozent auf Erneuerbare Energien umzustellen. Ein industrieller Schub wurde ausgelöst mit hunderttausenden neuen Arbeitsplätzen und Kostensenkungen für die Anlagen bis zu 70 Prozent.
Wir könnten schon jetzt bei einem Stromversorgungsanteil Erneuerbarer Energien von 30 Prozent sein, wenn nicht einige Landesregierungen willkürlich Standortgenehmigungen verweigert hätten: In Baden-Württemberg und Bayern liegt der Anteil des Windstroms bei weniger als einem Prozent des Stromverbrauchs und in Hessen bei nur zwei Prozent – während der Anteil selbst in Binnenländern wie Sachsen-Anhalt und Brandenburg schon bei über 40 Prozent liegt. Nun haben die Länder der "Südschiene" – Bayern und Baden-Württemberg – erkannt, dass der Ausbau der Windkraft Wirtschaftskraft für ihre Regionen bringen würde und wollen ausreichend Standorte ausweisen. Dieser Schwenk könnte zu spät kommen. Denn die Bundesregierung spricht zwar von einer Beschleunigung der Energiewende, will aber das stärkste und kostengünstigste Zugpferd dieser Wende – die Windkraft an Land – massiv ausbremsen. Dies können in diesem Sommer nur noch die Bundestagsabgeordneten auch aus den Südländern verhindern, wenn sie die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) stoppen oder entscheidend ändern. Mit einer konsequenten Politik für die Energiewende wäre ein vollständiger Wechsel zu Erneuerbaren Energien innerhalb von zwei Jahrzehnten realisierbar. Atomkraftwerke sind – ebenso wie neue Kohlekraftwerke – keine "Brücken" zu Erneuerbaren Energien, sondern Barrieren gegen sie. Das natürliche Potenzial Erneuerbarer Energien braucht nicht gefördert zu werden und die Energiequelle ist kostenfrei. Die Technik ist verfügbar und wird stetig produktiver und billiger. Die Mehrkosten von heute sichern für morgen eine sichere, emissionsfreie und kostengünstige Energieversorgung für alle. Erneuerbare Energien ersparen uns unbezahlbar werdende Klima-, Umwelt- und Gesundheitsschäden, Atommüll und weitere Gefahren durch fossile Energien und Atomenergie. Nicht technische und wirtschaftliche Gründe stehen dem schnellen Wechsel zu Erneuerbaren Energien entgegen, sondern die Widerstände der etablierten Energiekonzerne und eine halbherzige Politik.
Hinter der Behauptung, Erneuerbare Energien würden "noch Zeit" brauchen und zu viel kosten, weshalb an fossilen und atomaren Großkraftwerken festgehalten werden müsse, steht allein die Absicht, Zeit für den weiteren Einsatz von Atomenergie und fossiler Energien zu gewinnen. Die vier Stromkonzerne, die sich jetzt wegen der Kosten für Erneuerbare Energien als Verbraucherschützer gebärden, machen jährliche Gewinne durch die Produktion von Atom- und Kohlestrom von etwa 20 Milliarden Euro zu Lasten der Verbraucherinnen und Verbraucher.
Die aktuelle Politik der Bundesregierung aber zielt überhaupt nicht auf die Energiewende. Denn die Atomkraftwerke sollen vorrangig durch neue fossile Großkraftwerke mit dafür angepassten Großnetzstrukturen ersetzt werden. Mit der geplanten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verfolgt die Bundesregierung das Ziel, das Gesetz auszuhöhlen und so den Ausbau der Erneuerbaren Energien auszubremsen.
Gerade die Leidtragenden der EEG-Novelle, nämlich Windkraft an Land, Solarstrom, Kleinwasserkraft und die nachhaltige Biomassenutzung in bäuerlichen Strukturen, sind die Garanten einer schnellen und kostengünstigen, dezentralen Energiewende, ganz ohne Notwendigkeit für Stromtrassen über mehrere tausend Kilometer.
Die Politik der Bundesregierung kommt die Stromkunden teuer zu stehen und führt zwangsläufig zu mehr fossilen Großkraftwerken oder einem Scheitern des nun beschlossenen Atomausstiegs. Klar ist, dass die propagierte Energiewende so nicht verwirklicht werden kann. In diesen Tagen steht die dezentrale Energiewende auf dem Spiel und damit auch die über 350.000 Beschäftigten, die derzeit für den Ausbau Erneuerbarer Energien arbeiten. Diese im Namen von "Fukushima" und der "Energiewende" zu opfern, ist absurd und den Menschen nicht vermittelbar.
Wir erwarten daher von Bundesregierung und Bundestag
- die deutschen Atomkraftwerke bis 2015 abzuschalten und nicht erst bis zum Jahr 2022. Über die Brennelementesteuer hinaus muss ein vollumfänglicher Haftpflichtbeitrag für jedes einzelne Atomkraftwerk eingeführt werden sowie die Überführung der Rückstellungen in einen Fonds, der ausschließlich für die atomare Entsorgung zur Verfügung steht;
- Die Vertagung der EEG-Novelle in den Herbst oder umgehend Änderungen für eine Stärkung des dezentralen Ausbaus der Erneuerbaren Energien;
- den Abbau aller willkürlichen bürokratischen Hemmnisse gegenüber dem zügigen Ausbau Erneuerbarer Energien;
- die Einführung eines "Speicherbonus" im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes als Anreiz für Investitionen zur Stromspeicherung; - ein Eine-Million-Blockheizkraftwerksprogramm auf der Basis zinsbegünstigter Kredite, womit 20 Großkraftwerke ersetzbar sind und durch dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung ein Sprung in der Energieeffizienz erzielt werden kann;
- eine sofortige Umsetzung der EU-Richtlinie über die Energie-Effizienz von Gebäuden in nationale Gesetzgebung. Diese Richtlinie sieht vor, dass ab 2019 alle neu geplanten öffentlichen Gebäude und ab 2021 alle neu zu errichtenden privaten Gebäude einen Nahe-Null-Emissionsstandard haben müssen, was nur mit Erneuerbaren Energien realisierbar ist;
- die unbegrenzte Fortsetzung des Programms zur energetischen Gebäudesanierung und ein Städtebauförderprogramm "Solare Stadt".
Für einen weiteren Aufschub fehlt jede Rechtfertigung, jetzt geht es um die Beschleunigung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien. Dies entspricht dem Wunsch der Mehrheit unserer Gesellschaft, sichert die Zukunft unserer innovativen Wirtschaft und schafft hunderttausende neuer Arbeitsplätze.
Weiterverwendung des Textes nur in Absprache mit EUROSOLAR
V.i.S.d.P. Irm Pontenagel, EUROSOLAR
Weiterführende Informationen finden Sie in folgenden EUROSOLAR-Studien und -Papieren:
10-Punkte-Sofortprogramm für die Energiewende - Was jetzt zu tun ist
Lügen und Märchen der Anti-Energiewende-Lobby
Kurzgutachten: Sicherheitsgewinn durch Stärkung der Atomaufsicht - Eine Umkehr der Beweislast ist überfällig (pdf)
Kurzgutachten: Sicherung von Kernkraftwerken vor Terrorangriffen (pdf)
Studie: Analyse des Bedrohungspotenzials "gezielter Flugzeugabsturz" am Beispiel der Atomanlage Biblis-A (pdf)
EUROSOLAR-Landesstudie für eine vollständige Stromversorgung aus Erneuerbaren Energien in Hessen (pdf)
Memorandum: Jenseits von Kohle und Atom (pdf)
sowie unter www.ippnw.de und www.unendlich-viel-energie.de. Die vorherigen Anzeigenkampagnen von EUROSOLAR finden Sie unter "Kampagnen"
Ausführliche Argumente, wie der rasche Wechsel zu 100 % Erneuerbaren Energien realisierbar ist, bietet das Buch "Der energethische Imperativ". von Hermann Scheer. |