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13. Stadtwerke-Konferenz in Marburg

Energiewende von Stadtwerken für Stadtwerke

Wie jedes Jahr im Wonnemonat lud EUROSOLAR e.V. auch 2019 wieder zur Konferenz „Stadtwerke mit Erneuerbaren Energien“ ein – diese mal am 15. und 16. Mai im Technologie- und Tagungszentrum Marburg. Unter dem Motto „Gemeinsam voneinander lernen“ fand die Konferenz in freundlicher Kooperation mit der Stadtwerke Marburg GmbH statt.

Stadtwerke Marburg

Mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet tauschten sich über die Rolle der Stadtwerke bei der Energieversorgung der Zukunft aus. Regionale Marktplätze spielten dabei eine ebenso große Rolle wie Mieterstrommodelle, Sektorenkopplung und intelligente Netze.

Konferenzbroschüre (PDF)
Impressionen
Pressemitteilung 

Mittwoch 15. Mai

Den ersten Konferenztag eröffneten Frau Margit Conrad, StM a.D. (Vorstand von EUROSOLAR Deutschland), Dr. Thomas Spies (Oberbürgermeister der Stadt Marburg), Holger Armbrüster (Geschäftsführer der Stadtwerke Marburg) und Stephan Grüger, MdL (EUROSOLAR-Vizepräsident) mit ihren Grußworten und hießen die Gäste herzlich im schönen Marburg willkommen.  

Hessens Wirtschafts- und Energieminister Tarek Al-Wazir betonte in seiner Auftaktrede die Bedeutung der Stadtwerke nicht nur bei der Umsetzung der Energiewende, sondern auch bei der Kommunikation mit den Menschen vor Ort: „Wir müssen der Energiewende ihren Zauber zurückgeben und die Menschen wieder für sie begeistern“, so Al-Wazir. Zudem richtete er seinen Blick nach Berlin und stellte klar: „Für den PV-Deckel gibt es nur ideologische und keine sachlichen Gründe. Er macht wirtschaftlich und für die Energiewende überhaupt keinen Sinn.“

Daraufhin zeigte EUROSOLAR-Vizepräsident Dr. Fabio Longo auf, wie der Ausbau der Erneuerbaren Energien nach zehn Jahren Ausbremsen durch die Bundesregierung und die EU wieder Fahrt aufnehmen kann. Er verwies dabei auch auf das „Energiekonzept 2038“ von Olaf Scholz und nahm Bezug zu aktuellen politischen Debatten: „Eine CO2-Steuer ist sicherlich sinnvoll, aber kann niemals das EEG ersetzen, das Planungssicherheit für Investoren bietet."

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion wurde über die Zukunft der Stadtwerke in der Energiewende diskutiert. Man war sich einig, dass unter den aktuellen Bedingungen der Ausbau Erneuerbarer Energien schwierig zu realisieren sei: lange Planungszeiträume, hohe Vorlaufkosten bei der Genehmigung sowie Unsicherheiten bei der Förderung wurden als entscheidende Hindernisse identifiziert. Nichtsdestotrotz müssten die Stadtwerke ambitioniert vorangehen, denn für den Erfolg der dezentralen Energiewende ist die Partizipation der Bürgerinnen und Bürger mit entscheidend. "Die größte Bürgerenergiegenossenschaft sind Stadtwerke, die in 100 Prozent kommunalen Besitz sind”, betonte Michael Teigeler (Geschäftsführer der Stadtwerke Heidelberg Energie).

Nach der Mittagspause ging es dann in die Praxis. Nach dem Einführungsvortrag von Prof. Dr. Birkner (Leiter des House of Energy) wurden unter dem Motto „So wird Energiewende gemacht“ erfolgreiche Beispiele von Stadtwerken für Stadtwerke vorgestellt: In Heidelberg sorgt die Kombination von Fernwärmenetzen und Wärmespeichern für Stabilität und Vielfalt in der netzgebundenen Wärmeversorgung und ermöglicht so die Integration von Erneuerbaren Energien in den Wärmemarkt. Die Kunden der Wuppertaler Stadtwerke können sich selbst ihren ganz persönlichen regionalen Strommix aus regenerativen Anlagen zusammenstellen. Mithilfe der Blockchain-Technologie bringt die WSW Energie & Wasser in einem regionalen Bilanzkreis Konsumenten und Produzenten von Ökostrom aus der Region zusammen. Die hohe Akzeptanz für die Energiewende in Pfaffenhofen ist das Resultat der engen und langjährigen Zusammenarbeit aller relevanten Akteure vor Ort. So wird dort der politische Hintergrund für weiteres Handeln geschaffen.

Der Nachmittag stand ganz im Zeichen des heiß diskutierten Themas "Solarer Mieterstrom". Bodo Becker (Leiter Dienstleistungssteuerung der Mainova) stellte zunächst die Chancen des Mieterstroms vor allem für urbane Ballungsgebiete heraus. Um diese zu ergreifen forderte er politisches Kommittent sowie die Abschaffung des PV-Deckels und der vollen EEG-Umlage für Mieterstrom aus PV-Anlagen, eine Vereinfachung des Mieterstromzuschlags sowie dessen Entkopplung von der EEG-Einspeisevergütung.

Wie Mieterstrom Hand in Hand in der Region realisiert werden kann, zeigten die anschließenden Vorträge von Alexander Sauer (Key Account Manager der Stadtwerke Marburg) und Jürgen Rausch (Geschäftsführer der GeWoBau Marburg/Lahn): Die Stadtwerke haben gemeinsam mit der GeWoBau ein Mieterstromprojekt in Marburg auf den Weg gebracht, welches auf der erfolgreichen Kooperation durch gegenseitiges Vertrauen basiert. Beide Partner ziehen an einem Strang und bündeln ihre Kompetenzen – sie liefern damit einen wichtigen Beitrag für die Marburger Energiewende. Im Anschluss stellte Oliver Habekost (Geschäftsführer der Kreiswerke Main-Kinzig) das Solarstrommodell der Kreiswerke vor. Er sieht Stadtwerke dabei vor allem in der Rolle des Dienstleisters, der durch Rundum-Services Mietern und Eigeneheimbesitzern die Arbeit abnimmt. Dadurch könne die Kundenbindung langfristig gestärkt werden. Monetäre Vorteile für Stadtwerke ergäben sich durch solche Modelle allerdings noch nicht.

Der erste Konferenztag ging im Rahmen eines Abendempfangs in gemütlicher Atmosphäre zu Ende. In Ihrer Dinner-Speech lieferte Margit Conrad, Staatsministerin a.D., die die Energiewende in Rheinland-Pfalz entscheidend mitgestaltet hat, den Gästen noch einmal Stoff für Inspiration und dankte Stadt und Stadtwerken aus Marburg für die gelungene Zusammenarbeit.

Donnerstag 16. Mai

Der zweite Konferenztag startete mit dem weiten Gebiet der Sektorenkopplung. Sebastian Stießel (Doktorant beim Fraunhofer-UMSICHT) zeigte in seinem Vortrag, dass der Trend bei Power-to-X langfristig in Richtung der Herstellung hochwertiger synthetischer Produkte gehe. Er betonte dabei die Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten bei dem Aufbau Cross-industrieller Netzwerke in der Region, um möglichst große regionale Wertschöpfungseffekte zu generieren und Transportkosten zu sparen. In Solingen wird aktuell der Einsatz von Batterie-Oberleitungs-Bussen getestet, der eine optimale Nutzung der vorhandenen Infrastruktur ermöglichen und den Weg zu einem erneuerbaren und klimaschonenden ÖPNV ebnen soll. "Der Energiebedarf der Busse wird in Zukunft durch die Kombination von PV, Speichern und einer intelligenten Regelung gedeckt", erklärte Conrad Troullier (Geschäftsführer der Stadtwerke Solingen). Dr. Manuela Herms (Rechtanwältin bei prometheus) bezeichnete die KWK als idealen Partner der Erneuerbaren. Doch auch hier seien die regulatorischen Hemmnisse und bürokratischen Hürden immer noch groß. Unter anderem plädierte Herms auf eine Verlängerung des Geltungszeitraums des KWKG über 2025 hinaus, um Investitionssicherheit zu schaffen. In dem letzten Vortag des Themenblocks stellte Jost Broichmann (Projektleiter bei der WEMAG) die Fähigkeiten dezentraler Batteriespeicher vor. Ob einzeln oder im Schwarm als "virtuelles Kraftwerk" sind  die kleinteiligen Batteriestationen vielseitig einsetzbar: Von der Bereitstellung von Primär-/Sekundärregelleistung, über das Ramping regenerativer Erzeuger, das  Engpassmanagement, die Spannungshaltung bis hin zum Peak Shaving sind sie wahre Alleskönner.

Am späten Vormittag standen dann intelligente Energiesysteme im Fokus. Prof. Dieter Hertweck (Leiter der Forschungsgruppe Service Science an der Hochschule Reutlingen) machte in seinem Vortrag deutlich, dass der Aufbau intelligenter Netze zwar eine ganze Reihe potenzieller Geschäftsmodelle mit sich bringen würde, aber gerade für kleine und mittlere Stadtwerke noch mit großen Herausforderungen verbunden sei. Katharina Volk (Projektleiterin der Netze BW) stellte den Gästen die ersten Ergebnisse des Forschungsprojekts "grid-control" vor, bei welchem das zukünftige Zusammenspiel von Verteilnetz, regionaler Stromerzeugung sowie steuerbaren Verbrauchern und Marktteilnehmern erprobt wurde. Abschließend machte Dr. Olaf Unruh (Geschäftsführer bei BET) deutlich, dass die Digitalisierung in der Energiewirtschaft noch nicht weit fortgeschritten sei. Der schleichende Smart-Meter-Rollout, die unzureichende Marktkommunikation, fehlende wirtschaftliche Anreize sowie die geringe Verfügbarkeit von Geräten seien hier als wesentliche Gründe zu nennen.

Fazit

Die beiden Konferenztage haben eindrucksvoll gezeigt, wie Energiewende von unten funktionieren kann: Trotz der gesetzlichen Rahmenbedingungen, dem die Expertinnen und Experten immer noch großes Verbesserungspotenzial attestierten, können Stadtwerke heute schon zahlreiche gelungene Projekte vorweisen. Mit Engagement, Mut und Ambition ist die Energiewende bereits machbar. Nun liegt es an dem Gesetzgeber aus den Erfahrungen dieser Erfolgsgeschichten zu lernen. Mit geeigneten wirtschaftlichen Anreizen und einem verlässlichen Rahmen müssen weitere Kommunalversorger dazu ermutigt werden, auf Erneuerbare Energien zu setzen, um damit endlich den Weg für eine dezentrale Energiewende zu ebnen.