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Wie viel in 30 Jahren erreicht worden ist

Artikel von Hartmut Wendt, erschienen im Solarzeitalter 03/2018

Als wir uns auf Anregung von Hermann Scheer vor 30 Jahren in einer Stuttgarter Gaststätte zur Gründung von EUROSOLAR trafen, hatte jeder von uns schon eine längere, nicht unbedingt glückliche Beziehung zu alternativen Energien, zur Wasserstoffwirtschaft und zu vergleichbaren Themen.

Ich war damals 55 Jahre alt und baute aus Darmstadt kommend und durch J. Winter veranlasst für das Zentrum für Sonnenenergie und Wasserstoff-Forschung (ZSW) eine Brennstoffzellenabteilung auf. Jeder von uns hatte sich gegenüber Freunden und Kollegen als besorgter Klimatiker geoutet, lächerlich oder unmöglich gemacht und jeder von uns war froh, dass wir jetzt in einer gemeinsamen Anstrengung nach außen treten konnten. Vielleicht konnten wir mit der Gründung von EUROSOLAR mehr erreichen, als wir das bisher als ein paar vereinzelte Verrückte gekonnt hatten.

Man sollte nicht vergessen, dass damals zur Zufriedenheit der Energiegewaltigen gerade das Experiment „Growian“ – die erste experimentelle Windanlage mit rund einem Megawatt Leistung – durch einen Sturm gewaltsam und abrupt gestoppt worden war und für die Mehrheit der Anhänger der konventionellen Elektrizitätswirtschaft dieser „unsägliche und gefährliche Quatsch“ damit beendet war. Photovoltaik schien damals viel zu teuer zur Energiegewinnung und alles Übrige, wie zum Beispiel ein Ausbau der Hydroenergie, hatte nicht das nötige Potenzial für die Versorgung der Industrie und den Bedarf des normalen Verbrauchers.

Vergleicht man die damaligen Verhältnisse mit den heutigen, dann staunt man doch, wie viel in dreißig Jahren erreicht worden ist. Ich habe die jüngste Ausgabe der VDI-Nachrichten vor mir und stelle fest, dass in der Ausgabe vom 28. Juni 2018 allein drei größere Beiträge enthalten sind, die sich mit alternativen Energien oder ihren Anwendungen auseinandersetzen: 1. Den Energiemarkt der Zukunft abbilden, 2. Rennstar unter Strom und 3. Werften setzen auf grüne Technologien. Vieles, wofür wir vor dreißig Jahren noch mühsam argumentierend und unseren guten Ruf – oft auch die eigene Karriere – riskierend uns noch streitbar einsetzen mussten, scheint heute zum gedanklichen Allgemeingut geworden zu sein.

Aber das heißt leider nicht, dass nun auch das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit unseren damaligen Argumenten folgen würde. Der wirtschaftliche Erfolg von spritschluckenden SUVs (ökologisch der reine Wahnsinn) spricht in dieser Hinsicht für sich und ist nur ein Beispiel dafür, dass die Öffentlichkeit zwar unseren Argumenten gegenüber offener als früher gegenübersteht, aber man eigentlich eine Energiewende eher erträgt als mitträgt.

Deswegen ist es so wichtig, dass unsere Besorgnisse und die daraus folgenden Bemühungen hinsichtlich der Klimaveränderung nicht nur zur – leider – unzuverlässigen Beeinflussung und Änderung des öffentlichen Bewusstseins führen, sondern dass es auch – und das hauptsächlich – auf dem Energiesektor zu neuen gesetzlichen Entscheidungen und Festlegungen kommt, deren Einhaltung staatlich garantiert ist und deren Übertretung bestraft werden kann. Es sieht nicht so aus, als wenn sich das je ändern wird.

Deswegen ist es immer wieder aufs Neue nötig, Politiker zu überzeugen und sie dafür zu gewinnen, sich öffentlich für unsere Argumente zu einer ernsthaften Energiewende zu entscheiden und entsprechende Mehrheiten in den Parlamenten zu organisieren.

Wir sind mit dem durch Hermann Scheer veranlassten EEG als Einstieg recht weit auf dem Sektor der Elektrizität gelangt, (38 % der elektrischen Energie können heute alternativ erzeugt werden) weil dadurch sehr viel privates Kapital und unternehmerisches Können für die Energiewende mobilisiert wurden. Die damit verbundenen Nachteile werden heute nach der Neufassung des Gesetzes korrigiert. Uns fehlt etwas Ähnliches für die Nutz- und Gebrauchswärme und für den Verkehr, was naturgemäß viel schwieriger zu finden ist. Wenn EUROSOLAR dabei mithelfen kann, in den nächsten Jahren einen vergleichbar wirkungsvollen Ansatz für den Wärmesektor wie seinerzeit mit dem EEG für den Elektrizitätssektor zu finden und wenn es außerdem gelänge der Verschwendung fossiler Energien durch den Verkehr Einhalt zu gebieten, dann soll uns das als die alte Garde der alternativen Energien sehr freuen.

Prof. Dr. Hartmut Wendt ist Emeritus der Technischen Universität Darmstadt und Gründungsmitglied von EUROSOLAR.

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