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Trassen oder regionale Verteilnetze?

Kommentar von Irm Scheer-Pontenagel, erschienen im Solarzeitalter 03/2018

War es die bisherige Energiewirtschaft, die im Eigeninteresse den Trassenbau von Nord nach Süd – um den Windstrom von der Küste in den Süden zu transportieren – und den Ausstieg aus der Atomkraft als Voraussetzung für den weiteren Ausbau der Erneuerbarer Energien forderte, hört man diese Argumente nun erneut von Akteuren, die eigentlich nicht im Verdacht stehen, die atomar-fossile Energiewirtschaft mit ihren Forderungen stützen zu wollen.

Es scheint in Teilen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft noch immer ein Lagerdenken zu geben: zum einen Großstrukturen, logisch entstanden aus dem überkommenen Versorgungssystem, mit Leitungen über Ländergrenzen hinweg bis zum Supergrid und zum anderen dem regionalen, auf dezentralen Strukturen und Netzen aufbauenden Systemwechsel mit Erneuerbaren Energien (EE) – den Quellen geschuldet. Beide Lager fühlen sich dem Klimaschutz verpflichtet und dem EE-Ausbau.

Das schnelle Fortschreiten von Speicheroptionen als Alternative durch Aktivitäten von Stadtwerken und Bürgern bringt den Zeitplan der ÜNB mit ihrem langen Planungsprozess in eine Schieflage. Es verwundert daher nicht, dass gerade jetzt die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) ihre zeitlich vorgezogene Ausschreibung für Gleichstrom-Erdkabel starten. Die neuen Gleichstromverbindungen „Suedlink“ und „Suedostlink“ sollen ab 2025 Windstrom aus dem Norden in den Süden transportieren, so Tennet, TransnetBW und 50 Hertz. Ein teures, aber für den Leitungsbetreiber unter Umständen lukratives Geschäft. Kein Wunder, aber verständlich, dass ein schneller Ausbau ganz im Sinne der ÜNB ist und die Ausschreibung für die Erdkabel schon 2019 möglichst zügig abgeschlossen sein soll. Ob diese Rechnung aufgeht, wird nicht nur von der erneuten Diskussion um die Notwendigkeit oder den politischen Rahmenbedingungen abhängen, sondern entscheidend von der Akzeptanz dieser umfassenden Maßnahme durch die betroffenen Bürger der Region.

Unverständlich bleibt demgegenüber die Aussage und Begründung eines Vertreters des Ökoinstituts in einem Streitgespräch der Fachzeitschrift „neue energie“ Ausgabe 7/2018. Dort heißt es: „... wir werden Netze brauchen, um den Strom zu den Verbrauchern zu transportieren, zum Beispiel von den Windparks im Norden zu den Ballungszentren im Süden“. Begründung: nicht vorhandene Flächen im Süden für Windparks und PV-Freiflächenanlagen – so das Ergebnis der Studie des Öko-Instituts. In diese Begründung der Flächenverbrauchsfrage werden dann gleich Speicher mit einbezogen; auch sie stünden, neben zu hoher Kosten in einer Flächenkonkurrenz. Der Begriff Sektorenkopplung sei eine „typische konsensstiftende Leerformel“.

Zu ganz anderen Ergebnissen kommen dagegen die Studie REGEES von Fraunhofer IOSB oder die Aktivitäten Baden-Württembergs im Rahmen des Solar Cluster Netzwerk oder das Querschnittsprojekt „GigaStore“ des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

- Bei der Entwicklung optimaler Betriebs- und Regelungsstrategien lassen sich Erneuerbare Energien vollständig ins Stromnetz integrieren, so Fraunhofer IOSB.
- Das Cluster-Netzwerk Baden-Württemberg will durch die Installation von Dachanlagen und die Errichtung von Solarparks vor Ort bis zu 11 GW installierter Leistung allein auf den Dachflächen von Wohnhäusern und Nichtwohngebäuden im Südwesten erreichen.
- Mit der Gründung von neuen Instituten kann das DLR im Rahmen des Querschnittprojektes GigaStore mit Unterstützung mehrerer Bundesländer die Grundlagenforschung und die Entwicklung einzelner Komponenten und Technologien bis zur Systemauslegung besser ausfüllen.

Es geht dabei um das Ingangsetzen einer Dynamik für die Lösung von Zukunftsfragen, konkret um ein neues flexibles Energiesystem (Stichwort: Sektorenkopplung) mit allen damit verbundenen Aspekten. Diese notwendige Dynamik kann weder von überkommenen Strukturen noch von Akteuren eines festgelegten politischen bzw. wissenschaftlichen Rahmens erwartet werden. Dynamik für neue Lösungen entsteht durch das Zusammenwirken neuer Akteure aus unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft im Rahmen dieses thematischen Spektrums von der Wissenschaft bis zur Praxis.

Die Bestrebungen lassen vermuten, Deutschland in das so genannte „Supergrid“ – vom Norden bis zur Sahara – einzubinden. Der Trassenausbau der ÜNB ist dazu die Voraussetzung. Das Argument, die Energiewende könne nur gelingen, wenn der Strombedarf im Süden durch Lieferungen aus dem Norden sichergestellt würde, ist ein vorgeschobenes Argument. Stromtrassen sind auf Dauer angelegte Systeme in wenigen Händen und zentraler Steuerung mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Die Energiewende als Systemwechsel baut auf lokalen Versorgungskonzepten auf und findet statt, den dezentralen Energiequellen geschuldet. Diese Entwicklung im Rahmen der Anreizregulierung zu fördern, wäre vorausschauende Politik. Wie einflussgefährdet demgegenüber Trassenführungen der ÜNB sind, wurde zuletzt durch die Intervention der Bundesregierung (Kauf von 20 % der Aktien von 50Hertz durch die KfW) überdeutlich.

Eine umfassende Neudiskussion der Fragen – Stromnetze wo, in wessen Hand, wer profitiert? – ist überfällig.

Den vollständigen Kommentar als finden Sie hier als PDF-Dokument.

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