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Ein Flexibilitäts- und Speichergesetz ist dringend geboten

Interview mit Johannes van Bergen, erschienen im Solarzeitalter 03/2018

Die 12. EUROSOLAR-Stadtwerkekonferenz zeigte: Neue Geschäftsfelder für Stadtwerke und kommunale Versorgungsunternehmen stehen künftig ebenso im Zentrum wie neue Anforderungen und Chancen durch Stichworte wie Rolle der Verteilnetze, Sektorkopplung und Digitalisierung.

Das SOLARZEITALTER befragt Johannes van Bergen, Mitglied der Geschäftsführung der Ahrtal-Werke GmbH in Bad Neuenahr-Ahrweiler zu den Perspektiven von Stadtwerken als wichtige Träger der dezentralen Energiewende.

SOLARZEITALTER: Die Energiewende mit Erneuerbaren Energien (EE) bedeutet eine steigende Importunabhängigkeit Deutschlands und der EU von fossilen Energien. Welchen Stellenwert hat diese Entwicklung für Stadtwerke und ihre damit verbundene Unabhängigkeit von Vorlieferanten/Partnern?

Van Bergen: Bei vielen Kunden, bzw. bei Gewerbe- und Industriekunden, steht nach wie vor der günstige Preis für Strom und Gas im Vordergrund. Die Vertriebsmargen sind gering und deshalb haben die Vertriebe nur eine wirtschaftlich eingeschränkte Bedeutung für Stadtwerke. Durch eine hohe EE-Produktion von Stadtwerken hat der Vertrieb keinen Vorteil. EE-Strom wird an der Börse verramscht und drückt dadurch die Großhandelspreise auf ein Niveau von Braunkohlestrom-Grenzkosten. Negativer Gegeneffekt ist eine stetige Erhöhung der EEG-Umlage auf jetzt mehr als acht Milliarden Euro für private Haushalte.

Moderne Stadtwerke haben keine Vorlieferanten und beziehen Strom über ein selbst oder mit Partner aufgebautes Portfolio-Management. Anders sieht die Situation beim Einsatz von Erneuerbaren Energien im Wärmemarkt bzw. im Bereich der Fernwärme aus. Hier wird durch die Einkoppelung von Solarwärme, Geothermie und Biomasse zum Teil deutlich mehr als 50 % der eingesetzten Primärenergie in Form von Öl und Gas verdrängt. Dabei hilft die Kraft-Wärme-Koppelung (KWK) und insbesondere die Ausschreibungen im Rahmen von innovativen, also iKWK-Projekten.

SOLARZEITALTER: Die Energiewende als Energiesystemwechsel stärkt die Rolle der Stadtwerke gegenüber diesen „Partnern“. Was bedeuten in diesem Zusammenhang die Konzernveränderungen bei RWE und E.ON bei Zustimmung durch das Kartellamt?

Van Bergen: Der RWE-Konzern hatte seine Netze an die INNOGY AG ausgelagert und E.ON seine Kraftwerke in die UNIPER AG eingebracht. Die E.ON hat jetzt vorbehaltlich einer Kartellentscheidung die Mehrheit an INNOGY AG übernommen und wird dadurch eines der größten Netzunternehmen in Europa. RWE erhält Stromerzeugungsanlagen einschließlich großer EE-Anlagen von E.ON und wird dadurch einer der größten Stromproduzenten in Europa. Insbesondere für RWE dürfte diese Strategie existenzbedrohend werden, falls die Bundesregierung tatsächlich einen beschleunigten Kohle- bzw. Braunkohleausstieg beschließt.

Die Situation insgesamt dürfte für Stadtwerke nicht bedrohlich werden, wenn eine Monopolsituation bei der Erzeugung verhindert wird. Die Auswirkungen bei den Netzstrukturen werden jetzt schon durch zentrale Transitlinien deutlich. Ein Flexibilitäts- und Speichergesetz hätte deutlich andere und bessere Möglichkeiten zur Integration von EE-Strom geboten.

SOLARZEITALTER: Die Politik der Energiewende in Deutschland ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Der Strukturwandel, der damit verbunden ist, wird noch immer problematisiert und politisch nicht als Chance ergriffen. Welche Forderungen an die Politik sollten daher im Vordergrund stehen?

Van Bergen: Der CO2-Zertifikatehandel ist weitgehend unwirksam geblieben, was die Senkung dieser Schadstoffe betrifft. Wichtig wäre die Einführung eines CO2-Mindestpreises von z.B. 25 €/t oder eine CO2-Steuer, die allerdings europarechtlich schwierig ist. Damit würde sich dann auch das Thema Kohleverstromung erledigen. Die Strukturumbrüche wären allerdings gewaltig, so dass dies nur in einem geordneten Prozess ablaufen könnte.

Ein weiterer Punkt betrifft Regionalausschreibungen bei den EE-Anlagen, um z.B. in Süddeutschland überhaupt noch Windenergie realisieren zu können. Die Regelung, dass in NRW z.B. keine Windenergieanlagen im Wald errichtet werden dürfen, ist völlig kontraproduktiv und müsste aufgehoben werden.

Die energiewirtschaftlichen Behinderungen beim Speicherbetrieb von EE-Strom müssen beendet werden. Ein Flexibilitäts- und Speichergesetz, verbunden mit Kapazitätsmärkten, muss mit hoher Priorität politisch umgesetzt werden, damit weitere Fehlentwicklungen vermieden werden.

SOLARZEITALTER: Stadtwerke entwickeln sich über den Versorgungsanspruch hinaus immer mehr zu Dienstleistern. Gerade die EE eröffnen ein neues Kundenangebot, dass aber mehr und mehr von den großen Konzernen der etablierten Energiewirtschaft sowie von Start-Ups ergriffen werden. Wie sehen Sie die Chancen der Stadtwerke in diesem Wettbewerb?

Van Bergen: Wie viele moderne Stadtwerke bereits gezeigt haben, bestehen hervorragende Chancen für Stadtwerke im Rahmen von Quer-Verbundunternehmen, das heißt z.B. mit den Sparten Strom, Gas, Fernwärme, Wasser, Abwasser und Telekommunikation sowie im steuerlichen Querverbund mit der Integration von Bädern und ÖPNV. Die Nähe zur Region und zu den Bürgern können Stadtwerke als Trümpfe ausspielen und diese Vorteile werden große Konzern nicht haben. Insbesondere der Bau von EE-Anlagen, die Umsetzung von Contracting-Projekten, die Schaffung einer Elektromobilitäts-Infrastruktur und der Bau und Betrieb von Speicheranlagen einschließlich der Einsatzoptimierung von EE-Anlagen, KWK-Anlagen und Speichern bieten hochinteressante Geschäftsfelder für innovative Stadtwerke.

Johannes van Bergen ist Diplom-Ingenieur und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Bis 2015 war er Geschäftsführer der Stadtwerke Schwäbisch Hall.

Das vollständige Interview finden Sie hier als PDF-Dokument.

 

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