Logo Eurosolar

Editorial 04-2018

Editorial von Irm Scheer-Pontenagel, erschienen im Solarzeitalter 04/2018

„Zwar können bei Kosten- und Preisvorteilen erneuerbarer Energien ab einem bestimmten Zeitpunkt die Garantievergütungen entfallen, aber nicht die Vorrangstellung, die den bleibenden höheren gesellschaftlichen Wert erneuerbarer Energien markiert.“

Hermann Scheer (1944 – 2010)

„Vom Kohle- ins Solarzeitalter“ titelte EUROSOLAR die Konferenz in Herne 1999 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Nordrhein-Westfalen. Es war sozusagen eine Einweihungsfeier, denn mit dieser Konferenz wurde ein Neubau auf dem ehemaligen Zechengelände Mont Cenis eröffnet. Konversion war in jener Zeit Forderung und Möglichkeit zugleich. Das Gebäude, geplant vom vielfach ausgezeichneten Architekten Manfred Hegger und der Architektin Helene Jourda, ist von einer gläsernen Klimahülle umschlossen. Eine beeindruckende Holzsäulenkonstruktion mit der weltweit größten lichtdurchlässigen dachintegrierten PV-Anlage. Sie liefert den Strom und ein Grubengas-BHKW sorgt für Wärme und Kälte. Beispielhaft für das Zechenland NRW und dem immer dringender werdenden Strukturwandel.

Das ist nun über 20 Jahre her. Dabei war nicht nur das Gebäude etwas Besonderes und beispielgebend. Auch die Forderungen der Konferenzteilnehmer an das Energieland Nr.1. ließen aufhorchen. Der damalige Ministerpräsident lobte in seinem Grußwort die Chancen und man fragt sich, warum brauchte es nochmals über 20 Jahre, um den Strukturwandel zu gestalten. Mit der Entscheidung, die Zechen – Symbole der geschichtsträchtigen Industrieregion – als Kulturdenkmäler zu erhalten, wurde zusätzlich zur IBA – Kultur der Sonne – die Bedeutung der Energiewende für NRW verknüpft und unterstrichen.

„Der Steiger kommt groß raus. Kurz vor dem Ende des Steinkohleabbaus im Ruhrgebiet sind die Malocher schwer in Mode“, so die Süddeutsche Zeitung im Oktober 2018. Touristen kommen mittlerweile gern in die Region und machen dort „Ruhrlaub“ im Grünen. Demgegenüber waren und sind die Ereignisse um den Hambacher Forst beunruhigend und schwer verständlich. Der Einsatz der NRW-Landesregierung für die Energiewende bleibt weiterhin wenig ambitioniert. Wenn nun Greenpeace RWE das Braunkohle-Revier Hambacher Forst abkaufen will, um mit den Bürgern vor Ort einen Energiewechsel mit Erneuerbaren Energien zu realisieren, dann ist das ein Armutszeugnis für unsere repräsentative Demokratie und führt zu weiterer Politikverdrossenheit. Kreis- und Landesparlamente müssten es endlich als ihre Aufgabe erkennen, aktiv zu werden. Das Greenpeace-Konzept ist eine seit langem anstehende Energiewendeaufgabe der betroffenen Kommunen und Länder. Zu fordern ist daher, dass Kreis-, Landes- und Bundesparlamentarier als gewählte Volksvertreter aktiv werden und das über Parteigrenzen hinweg. Die ökonomischen und ökologischen Vorteile einer regionalisierten Energiewirtschaft mit Erneuerbaren Energien (EE) sind seit Beginn der Energiewende belegt.

Zu begrüßen ist, dass die Einsicht wächst, die Energiewende vorrangig ohne weiteren Flächenverbrauch auf den Dächern der Häuser – als die effizienteste Form der Stromgewinnung – zu bevorzugen. Die Förderung und der Ausbau von Mieterstrommodellen ist dazu ein wichtiger und erfolgreicher Schritt. Politisch scheint diese Entwicklung wenig gewollt zu sein. Die politische Absicht, die dahinter steht, ist sicher vielschichtig und hängt mit dem Umbau des EEG auf die Ausschreibungen zusammen. Dazu meint Volker Quaschning im Interview in dieser Ausgabe: „Auch wenn ich sehr lange nachdenke, fallen mir keine wirklichen Vorteile der Ausschreibungen ein… Wie absurd die Ausschreiberitis inzwischen geworden ist, zeigen die technologieoffenen Ausschreibungen. Im Wirtschaftsministerium glauben offensichtlich einige immer noch, man könne die Energiewende nur mit Photovoltaik oder nur mit Windenergie meistern und wir müssten nur noch herausfinden, was billiger ist“.

Ende November ist ein sogenanntes „Energiesammelgesetz“ verabschiedet worden. Viele der wichtigen Entscheidungen sind vertagt. Dazu gehören unter anderem konkrete Pläne, wie das 65-Prozent-Erneuerbare-Energien-Ziel erreicht und wie der Vorrang der Erneuerbaren Energie auch bei ihrem Einbezug in den Redispatch gewährleistet werden soll. Auch bei den Innovationsausschreibungen bleibt vieles unklar. Die Details sollen in einer Verordnung geregelt werden.

Durch den Vorschlag der Vergütungskürzung bei PV-Anlagen ab 40 kWp werden die kleinen Akteure der PV-Branche wie private Initiativen, Bürgergenossenschaften und Mieterstrommodelle als demokratische Basis und wichtigster Treiber der Energiewende, hart getroffen. Wie eine Studie belegt, trägt eine PV-Anlage in der Nachbarschaft maßgeblich zur Aufklärung und Akzeptanzsteigerung der Energiewende mit Erneuerbaren Energien bei. Politische Rahmenbedingungen haben diese ohne weiteren Bodenverbrauch effektivste Form der Energiegewinnung massiv zu fördern. Aber gerade diese Form der Energiewende wird seit Bestehen des EEG massiv behindert. Der Grund ist offensichtlich: Das Streben der Bürger – bei fortschreitender Entwicklung von Speicheroptionen – hin zur Energieautonomie und damit zu einem Energiesystemwechsel, der einer noch immer einflussreichen fossilen Energiewirtschaft ein Dorn im Auge ist. Jedoch entlastet jede Kilowattstunde Strom, die verbrauchsnah erzeugt und genutzt wird, das Netz und reduziert weiteren Plan-, Regel- und Steuerungsaufwand.

Zurück zum „Energiesammelgesetz“. Wie der Name schon sagt, soll ein Großteil der strittigen Einzelregelungen – und deren Diskussion – miteinander verknüpft und damit verkürzt werden. Das erinnert an die bewährte Strategie früherer Regierungen unter dem Stichwort „Paketlösung“: trickreich Diskussionen zu erschweren oder gar zu verhindern. Aktuell werden die im Koalitionsvertrag vereinbarten Sonderausschreibungen für PV- und Windkraftanlagen zunächst einmal zeitlich verzögert. Mit steigendem Zeitdruck wird dann die angeblich „gute und schnelle“ Lösung als „Sammelgesetz“ präsentiert. Bei diesem Vorgehen haben diejenigen das Nachsehen, die aus vermeintlicher Solidarität – dem Zeitdruck geschuldet – auf die notwendige Diskussion strittiger Punkte verzichten und Regelungen mittragen müssen, die so eigentlich nicht gewollt sind. Die EUROSOLAR-Resolution sowie die Erklärung von Fabio Longo zum „Energiesammelgesetz“ lesen Sie ab Seite 18.

Der Bundesverband der Solarwirtschaft (BSW-Solar) und Solarwatt, haben in Eichwalde bei Berlin die Einweihung des 100.000 Photovoltaik-Speichersystems gefeiert. Dagegen gibt die Bundesnetzagentur zu bedenken, dass die tatsächliche Zahl der installierten Systeme in Deutschland unbekannt ist. Bislang seien bei der Bonner Behörde lediglich 12.500 Speichersysteme gemeldet (KN). Wie sinnvoll ist ein Speicherregister, das allein Speicher mit Strom aus EE erfassen soll und sich nun schon über Jahre zu einer „Endlosgeschichte“ entwickelt? Werden diese Daten auch Daten der Bürger sein und ihm zur Verfügung stehen? Es bleibt ein dringlicher Auftrag an die politischen Entscheidungsträger, diese Regelung zeitnah zu überprüfen und zu korrigieren, wenn diese Art Speichermeldepflicht für viele Bürger nicht unzumutbar werden soll.

Der Ausbau von Speichertechniken schreitet erfolgreich voran. Dies ist eine notwendige Entwicklung für die Durchsetzung des Energiesystemwechsels mit Erneuerbaren Energien. Ein Bericht von Daniel Schriek zum 5. IRES-Symposium am 8. November in Berlin und der Ausblick auf die 13. IRES-Konferenz vom 12. bis 14. März 2019 in Düsseldorf informieren über zentrale Aktivitäten von EUROSOLAR zum wichtigen Thema der Speicherung Erneuerbarer Energien. Valeska Gottke beschreibt in ihrem Beitrag die multifunktionalen Eigenschaften der Energiespeicher und ihre herausragende Bedeutung für das Gelingen der Energiewende.

„Ein Europa der Erneuerbaren Energien“, so lautete der Titel des EUROSOLAR-Symposiums am 27. September 2018 in Berlin, das im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums von EUROSOLAR stattfand. Irm Scheer-Pontenagel verknüpfte dabei Geschichte mit dem Ausblick auf ein Europa der Erneuerbaren Energien. Claudia Kemfert mahnt Vorgaben für eine europäische Energiewende als Energieunion mit mehr Erneuerbaren an. Wolfgang Hein informiert über die Arbeit der Sektionen von EUROSOLAR in mehreren europäischen Ländern.

In zeitlicher Nähe zum Gründungstag vor dreißig Jahre feierte EUROSOLAR das Jubiläum am 25. August in der Bonner Geschäftsstelle. Einen Ausschnitt der auf dieser Veranstaltung in Interviews geäußerten Erinnerungen von Frauen und Männern der ersten Stunde finden Sie ab Seite 58. Wolfhart Dürrschmidt beschließt mit seinem Beitrag die Veröffentlichungen in der Rubrik „30 Jahre EUROSOLAR“.

Die feierlichen Veranstaltungen zur Verleihung der Deutschen und der Europäischen Solarpreise fanden aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums von EUROSOLAR in diesem Jahr in Bonn statt. Die ausgezeichneten Projekte zeigen das vielfache Engagement für beispielgebende Lösungen auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbare Energien.

Wir setzen den Überblick zum Thema Erneuerbare Energien und Gewerkschaften mit einer Zwischenbilanz von Gert Samuel und einem Beitrag von Helmut Born fort. Rosa Hemmers und Henrike Vogelsang informieren über die Gütesiegel von das Grüner Strom-Label.

Lesen Sie die Botschaft unseres Präsidenten Peter Droege zu den Herausforderungen des kommenden Jahres; Franz Alt warnt in seiner Kolumne vor der solaren De-Industrialisierung.
Allen Leserinnen und Lesern erholsame und schöne Feiertage, alles Gute für das Jahr 2019 und eine anregende Lektüre.

 Den vollständigen Artikel finden Sie hier als PDF-Dokument.

Aktuelle Artikel aus dem Solarzeitalter

  • Editorial 03-2019

    Editorial von Irm Scheer-Pontenagel, erschienen im Solarzeitalter 3-4/2019

    "Auch in der etablierten Energiewirtschaft wächst eine neue Generation von Entscheidungsträgern heran, die erkennen, dass Atomenergie und fossile Energien in eine Sackgasse führen. Sie versuchen deshalb, den Einstieg in erneuerbare Energien in einer Weise zu gestalten, die in die Strukturen der überkommenen Energieversorgung passt."

    Hermann Scheer (1944-2010)

  • Städte im Aufstand: Gegen einen ignorierten Notstand

    Artikel von Prof. Peter Droege, erschienen im Solarzeitalter 3/2019

    EUROSOLAR, unsere Mitglieder und ein frisch gewählter Vorstand gehen das Jahr 2020 mit zwei eng verknüpften Themen an: die Zukunft der Städte und der sich stündlich dramatisch verschärfende Klimanotstand. Damit beginnt EUROSOLARs eigentliche Arbeit aufs Neue – und damit auch unsere wichtigste Aufgabe: Nicht nur den Energienotstand für Deutschland, Europa und die Welt auszurufen, sondern mit unseren Erkenntnissen und Forderungen zu retten helfen, wer und was denn noch zu retten ist.

  • „Die Stadtwerke sind Marktführer in den Sektoren Strom und Wärme“

    Interview mit Oberbürgermeister Burkhard Jung, erschienen im Solarzeitalter 3/2019

    Vor 70 Jahren wurde der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) gegründet - er ist damit ebenso alt wie das Grundgesetz. Nach dem Krieg stand als Grundlage der Daseinsvorsorge für die Menschen die verlässliche Versorgung mit Wasser und Energie im Vordergrund.

  • Energiewende und Waldoption – Argumente für eine Doppelstrategie der Klimapolitik

    Artikel von Udo E. Simonis, erschienen im Solarzeitalter 3/2019

    In der Klimawissenschaft wie in der Klimapolitik haben sich Gruppen gebildet, die nicht miteinander kommunizieren, sondern sich voreinander abschotten. Im Ergebnis werden der technische Weg zum Klimaschutz – die „De-Karbonisierung“ – und der natürliche Weg – die „Re-Naturierung“ – von Wissenschaftlern wie von Politikern nicht als zwei Wege zum gleichen Ziel gesehen, obwohl es viele gute Gründe für eine solche Doppelstrategie gibt.