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„Wir brauchen Bürgerenergie in großem Maßstab“

Interview mit Volker Quaschning, erschienen im Solarzeitalter 04-2018

Die Diskussion um neue Trassenführungen im Rahmen der Energiewende mit Erneuerbaren Energien (EE) wird so lange geführt werden wie die Annahme vorherrscht, Überschuss-Strom aus dem Norden müsse – wegen der Aufgabe von Atomkraftnutzung – in den Süden transportiert werden.

Dem stellt EUROSOLAR die Praxis der dezentralen regionalen Nutzung der EE gegenüber. In dieser Diskussion wird vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) betont, um den Strom der EE effizient nutzen zu können, müsse der Leitungsbau Vorrang haben vor dem Ausbau der EE. Volker Quaschning, Ingenieurwissenschaftler und Professor für Regenerative Energiesysteme, räumt im Interview mit einigen Vorurteilen auf.

SOLARZEITALTER: 2016/2017 wurden die Einspeisung von Strom und seine Vergütung im EEG auf das Ausschreibungsmodell umgestellt. Welche Vor- und Nachteile haben sich aus Ihrer Sicht für die Praxis der Energiewende ergeben?

Volker Quaschning: Auch wenn ich sehr lange nachdenke, fallen mir keine wirklichen Vorteile der Ausschreibungen ein. Wollen wir das 1,5-Grad-Limit des Pariser Klimaschutzabkommens sicher einhalten, müssten wir bereits im Jahr 2040 klimaneutral werden. Dafür brauchen wir einen jährlichen Nettozubau bei der Onshore-Windkraft von 6,5 GW und bei der Photovoltaik von 16 GW. Bei der Photovoltaik wäre das mehr als eine Verachtfachung gegenüber 2017. Würde man die Ausschreibungsmengen so stark erhöhen, würden nicht ausreichend Gebote kommen und die Preise in der Folge explodieren. Die Ausbaumengen bei der Windkraft kann man nur erreichen, wenn man die Akzeptanz dafür herstellen kann. Das kann nur durch echte Bürgerwindparks gelingen, die durch die Ausschreibungen aber massiv behindert werden. Wer also an den Ausschreibungen in der heutigen Form festhält, hat sich vom Klimaschutz bereits verabschiedet. Wie absurd die Ausschreiberitis inzwischen geworden ist, zeigen die technologieoffenen Ausschreibungen. Im Wirtschaftsministerium glauben offensichtlich einige immer noch, man könne die Energiewende nur mit Photovoltaik oder nur mit Windenergie meistern und wir müssten nur noch herausfinden, was billiger ist. Dabei zeigen alle seriösen Berechnungen, dass die Potenziale einer Technologie für die Energiewende nicht ausreichen. Ein einseitiger Ausbau würde den Speicherbedarf und damit die Kosten enorm nach oben treiben.

SOLARZEITALTER: Studien belegen die Möglichkeit und die Notwendigkeit, die vorhandene Netzstruktur von Verteil- und Übertragungsebene besser auszulasten und zu ertüchtigen. Welche Forderungen kommen in diesem Zusammenhang auf die verschiedenen Betreiber zu und wie schätzen Sie die Forderung nach weiteren Trassen im Übertragungsnetzbereich ein?

Volker Quaschning: Die Politik, allen voran der Wirtschaftsminister Peter Altmaier, suggeriert, dass die Energiewende nur durch einen schnellen Ausbau der Übertragungsnetze, auch Stromautobahnen genannt, gelingen kann. Durch die verfehlte Ausschreibungspolitik erwarten wir für 2019 einen massiven Einbruch in der Windbranche mit einem Verlust von tausenden an Arbeitsplätzen. Angesichts der Herausforderungen beim Kampf gegen den Klimawandel ist das geradezu grotesk und niemand kann das verstehen. So kann die Politik guten Willen beim Windkraftausbau vortäuschen und die Schuld auf die fehlenden Leitungen schieben. Dabei ließen sich Übertragungskapazitäten durch Monitoring der Leitungen, Hochtemperaturkabel oder Batteriespeicher an Knotenpunkten relativ schnell steigern. Künftig ist der Speicherausbau ohnehin von erheblich größerer Bedeutung als der Übertragungsleitungsausbau. Schon bald werden wir temporär in Deutschland bei Starkwind oder an sonnigen Tagen erhebliche Überschüsse von Windkraft- und Solaranlagen haben. Um diese abzutransportieren, müssten wir Leitungen irgendwann bis nach Afrika ziehen. Da kann ich den Leitungsfetischisten nur viel Spaß bei der Verhandlung mit der italienischen Regierung für den Trassenbau wünschen.

SOLARZEITALTER: Wie unterscheiden sich dabei die verschiedenen Netzebenen und die Aufgaben der jeweiligen Betreiber?

Volker Quaschning: Wollen wir unsere Energieversorgung klimaneutral gestalten, wird sich der Elektrizitätsbedarf in Deutschland voraussichtlich verdoppeln. Auf der Erzeugerseite wird sich die installierte Leistung mindestens verdreifachen. Dadurch nehmen natürlich auch die Anforderungen an die Leitungen zu. Durch neue Stromverbraucher wie die Elektromobilität oder Wärmepumpen steigen vor allem die Belastungen der Verteilnetze. Hier wird man sicher an etlichen Stellen die Netze und Trafos optimieren und verstärken müssen. Der dezentrale Aufbau regenerativer Erzeugungskapazitäten und dezentrale Speicher können die Netzbelastung aber deutlich reduzieren. Wenn wir das geschickt angehen, lassen sich die notwendigen Maßnahmen auf ein Minimum reduzieren. Ideen für die Optimierung der Übertragungsnetze hatten wir ja bereits schon angesprochen.

SOLARZEITALTER: Die Energiewende als Energie-System-Wende braucht neue Träger und Investoren. Welche Rolle spielen dabei die Stadtwerke?  

Volker Quaschning: Rechnen wir doch mal: Wenn wir von einem Bedarf von 6 bis 8 GW an Onshore-Windkraft und von 16 GW Photovoltaik pro Jahr ausgehen, reden wir von einem jährlichen Finanzbedarf von mindestens 20 Milliarden Euro. Hinzu kommen die Kosten für den Ausbau der Offshore-Windkraft, anderer Erneuerbarer, Speicher, die flächendeckende Einführung der Elektromobilität und die Wärmewende. Die Stadtwerke sind sicher ein wichtiger Partner vor Ort. Aber sie werden diese enormen Finanzsummen nicht stemmen können. Hierfür brauchen wir das Engagement der Bürger. Die Deutschen besitzen 1,5 Billionen Euro auf Konten ohne Zinsen. Im Jahr 2017 hat dieses Geld 38 Milliarden Euro an Wert verloren. Wir sollten also dafür sorgen, dass ein Großteil der Energiewende vom Sparbuch bezahlt wird. Das würde sich für alle Seiten auszahlen. Wir brauchen also Bürgerenergie im großen Maßstab, um das nötige Tempo der Energiewende zu erreichen.

SOLARZEITALTER: Die Energiewende mit EE ist eine Technik-Revolution mit eigener Logik. Sehen Sie in der Digitalisierung von Prozessen z.B. im Strombereich Vorteile für den dezentralen Einsatz der EE? Welche Rolle kommt dabei dem rasanten Ausbau der Speichertechnik zu?

Volker Quaschning: Digitalisierung ist ein nettes Modewort. Eine Digitalisierung um ihrer selbst willen, wie wir sie gerade bei der Einführung der Smartmeter erleben, bringt aber gar nichts. Wir müssen uns Gedanken über die richtigen Maßnahmen machen und können diese dann gegebenenfalls mit Hilfe der Digitalisierung umsetzen. Bei einem massiven Ausbau der Photovoltaik und Windkraft wird es künftig Zeiten geben, in denen wir in Stromüberschüssen geradezu ertrinken. Der Wert des Stroms wird gegen null tendieren und wir müssen diese Preissignale bis zum Endkunden durchreichen. Dann können Elektroautos oder Wärmespeicher angebotsabhängig beladen werden. Bei einem Unterangebot Erneuerbarer müssen dann die Preise erheblich steigen. Wenn wir hier eine deutliche Preisspreizung bekommen, rechnen sich Speicher ohne jegliche Förderung und der Ausbau kann die nötige Dynamik erreichen. Denn eines ist klar: Ohne einen massiven Speicherausbau kann der vollständige Abschied von den fossilen Kraftwerken nicht gelingen. Für die Energiewende brauchen wir vermutlich eine Vertausendfachung der bestehenden Stromspeicherkapazitäten.

SOLARZEITALTER: Die Dynamik eines schnellen EE-Ausbaus wird die Vielfalt der Akteure stärken. Wie sehen Sie dabei die Chancen für die Verwirklichung der regionalen Sektorenkopplung?

Volker Quaschning: Die Sektorkopplung wird nicht nur regional, sondern überall individuell erfolgen. Künftig werden Elektromobilität und elektrische Wärmeanwendungen flächendeckend Einzug erhalten. Im laufenden Jahr 2018 habe ich beispielsweise mein Elektroauto zu Hause zu 80 % mit eigenem Solarstrom geladen. Das ist jenseits aller Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen einfach sexy und damit für viele sehr attraktiv. Es ist auch für kleine Akteure einfach, neue Geschäftsmodelle in dem sich ändernden Umfeld zu entwickeln. Darum werden wir noch sehr viele attraktive Ideen sehen, die wir heute noch gar nicht auf dem Schirm haben. 

SOLARZEITALTER: Die Europäische Kommission erarbeitet für den Bereich Energie harmonisierende Strukturen unter dem Stichwort „Energieunion“. Welche Vorteile und Nachteile erwarten Sie im Rahmen des angestrebten Stromverbundes?

Volker Quaschning: Die Europäische Idee ist leider in den letzten Jahren stark unter Beschuss geraten. Ich selbst bin ein Fan der Europäischen Einigung. Insofern begrüße ich erstmal auch die europäische Zusammenarbeit im Energiebereich. Die europäische Politik ist in jüngster Zeit deutlich progressiver hinsichtlich Klimaschutzfragen als die Deutschlands, wobei weder mit der europäischen noch mit der deutschen Energiepolitik die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen sind. Der globale Temperaturanstieg kann nur auf 1,5 Grad Celsius begrenzt werden, wenn ganz Europa bis 2040 eine völlig klimaneutrale Energieversorgung realisiert. Einige äußern Sorgen, dass Fortschritte in Deutschland durch Länder wie Polen, die weiterhin stark auf die Kohlenutzung setzen, behindert werden. Ich bin dabei sehr entspannt. Bereits jetzt geraten fossile Kraftwerke in den europäischen Nachbarländern durch den starken Ausbau Erneuerbarer Energien in Deutschland unter Druck. Wenn wir die genannten Ausbaumengen für Solar- und Windkraft realisieren, werden diese die Wirtschaftlichkeit fossiler Kraftwerke in den meisten Nachbarländern bereits in wenigen Jahren zerstören. Dann könnte der bestehende Verbund durch Ausgleichseffekte vielleicht sogar einen kleinen Beitrag zur Effizienzsteigerung einer rein regenerativen Stromversorgung in Europa leisten. Wir sollten uns für ein Europa einsetzen, das beim Klimaschutz und der Energiewende wieder zum weltweiten Vorbild wird.

SOLARZEITALTER: Herr Professor Quaschning, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das vollständige Interview finden Sie auch hier als PDF-Dokument.

 

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