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Zum 75. Geburtstag von Hermann Scheer

Artikel von Mathias Greffrath, erschienen im Solarzeitalter 2/2019


Am 29. April wäre Hermann Scheer 75 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erinnert der Autor und Journalist Mathias Greffrath an den Gründer von EUROSOLAR und den erfolgreichen Impulsgeber für die International Renewable Energy Agency (IRENA).

Hermann Scheers Stimme fehlt. Die Stimme, mit der er auf Versammlungen, auf Theaterbühnen, in Studios, auf Kongressen in aller Welt in seinen Zuhörern die  Überzeugung stärkte, sie stünden vor einer epochalen Wende, die nicht mit Elitenhandeln, nicht mit Vertrauen auf Experten, nicht mit Regierungen allein zu bewältigen sei, sondern ihrer aller Handeln erfordere. Seine kräftige Stimme schuf ein Gefühl für die Dringlichkeit und die Größe dieser Aufgabe und stärkte zugleich das Gefühl: Sie ist zu bewältigen.

Mit seinen Situationsbeschreibungen, mit seiner ungeheuren semantischen Energie und nicht zuletzt mit seiner dunklen, von ruhigem Argumentieren zum Stakkato der Attacke modulierenden Timbre strahlte etwas aus, das selten geworden ist oder in toten Großsubstantiven auf Parteitagen erstarrt: einen mitreißenden Ernst, eine leidenschaftliche Hingabe an ein großes Projekt, eine von Argumenten gestützte Verführung, mitzuwirken an einer, ja pardon: Menschheitsaufgabe. Hermann Scheer konnte bei seinen Zuhörern eine große, geradezu kulinarische Lust und Freude ob der Größe dieser Aufgabe erzeugen. „Epochale Aufgaben erfordern große Lösungen" – man nahm ihm solche und noch größere Sätze ab, weil er die Ausführungsbestimmungen, die konkreten Schritte, die konkreten Gegner und die Hindernisse gleich folgen ließ – wenn die Situation es erfordert, auf Megawatt genau ausgerechnet.  

Durch seine Bücher wirkte er auf zehntausende von Einzelnen, durch seine Reden auf hunderttausende. Man hörte ihm sogar länger als 100 Minuten zu – und das kam gar nicht selten vor –, weil er immer konkret, brillant und, warum nicht: unterhaltsam war. Scheers Wirkung beruhte auf direkter Rede. Die vielen dicken Ordner mit Zeitungsausschnitten in seinem Büro zeugen davon: von Lüdenscheid bis Abu Dhabi, von Zürich bis Kalifornien, er redete an hunderten von Orten. Das spiegelt auch die Bewegungsform seiner Mission: Ihre Durchsetzung ist genauso dezentral wie die Sonnenenergie selbst. Ihre Aktivisten sind bis heute überall: Bürgergruppen, passionierte Kommunalpolitiker, findige Unternehmer, Bastler auf Eigenheimdächern, ökologisch denkende Ingenieure. Tausende von ihnen hat er mit seinem faktensatten Charisma aufgeladen.

Er war kein Utopist. Die solare Wende kommt mit naturgesetzlicher Notwendigkeit (wenn auch vielleicht nicht so schnell wie nötig) – so begann er seine Reden oft: Das Gute und Wünschbare ist in unserem Jahrhundert zum Notwendigen geworden. Das verschränkte Physik, Ökonomie und Gesellschaft ineinander – ebenso wie Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Seit seinen ersten Interviews hat Hermann  Scheer das immer wieder betont: Die Ablösung der fossilen durch die Erneuerbaren Energien ist durch die geophysikalischen Fakten notwendig, aber sie ist darüber hinaus und darunter ein ethisches Unternehmen. Sie hat mit der Bewahrung der Welt, der Sicherung der Zukunft und der gerechten Verteilung der Lebenschancen auf diesem Planeten zu tun. Und sie ist ein Kampf um Demokratie: von Bürgern, Konsumenten, Städtebewohnern gegen die Giganten des Energiemarktes, die „globale Planwirtschaft der Kartelle". Eine zivilisatorische Wende.

Sonnenenergie ist die Energie des Volkes, so ist einer seiner Artikel von 1993 überschrieben. In wenigen Sätzen macht er klar, dass es nicht nur um eine neue Energiequelle geht, sondern um ein neues System der Energieversorgung: dezentral statt zentral, autonomiefördernd statt fossile Abhängigkeiten verewigend. Eine Revolution, die unsere Gesellschaft in allen Sphären umkrempeln wird und dem globalen Süden einen anderen Entwicklungsweg weisen kann, aber die nur gelingen wird, wenn Millionen von Einzelnen, tausende von Kommunen, hunderte von Unternehmen sie befördern, wenn sie nicht von der globalen Planwirtschaft der multinationalen Konzerne erstickt wird. Auch das gilt heute mehr noch als vor zehn Jahren: Die Braunkohle geht nicht von selbst und gegen ein nukleares Rollback sind wir nicht gefeit.

Erneuerbare Energien sind sozialdemokratische Energien – auch das eine Pointe seiner Reden. Die real existierende Sozialdemokratie hat das Potential von Hermann Scheers Energie nicht zu nutzen verstanden. Der „Hero of the Green Century" (Time Magazine), der Träger des Alternativen Nobelpreises, der Mann, dem US-Gouverneure zujubelten, der Ehrenprofessor der Universität von Shanghai, der Direktmandatsträger in einer FDP-Hochburg. In den Konzernetagen, den Chefredaktionen, den Parteivorständen hatte er es schwer. Kein Zweifel: Die „großen“ Medien haben Hermann Scheer gelegentlich gemocht, vor allem allerdings als Pointen-Lieferanten gegen die eigene Partei. Etwa, wenn er, als eine Genossin einmal eine kleine Rolle in einem „Tatort“ spielte, anmerkte: Wer sie kenne, könne sofort wissen, dass s i e nie und nimmer die Mörderin sein kann, weil das Opfer von vorn erstochen worden sei. Wenn er vom Personalputsch der Parteispitze redete, Wendungen wie „Schröder ist durch und durch altmodisch“ benutzte, oder die Energiewirtschaft eine Cosa Nostra nannte. Dann stand Herbert Wehner, von dem er warm und lustig erzählen konnte, immer mit im Raum. 

Hermann Scheer war so frei, solche Invektiven nicht anonym abzuliefern. Auch als Abgeordneter war er frei, abzuweichen: nicht nur bei Personalien, sondern beim WTO-Vertrag, beim Atomkompromiss, bei der Kohlesubvention. Das fand dann erheblich weniger Resonanz bei der Presse als die flotten Sprüche; und wenn er auf die Journalistenfrage, warum aus der SPD so wenig Opposition gegen Schröders Basta-Industrialismus komme, entgegnete: Man könne ja nicht die Redaktionsstuben besetzen, damit die Kritiker in den Zeitungen zu Wort kommen könnten, dann machte er sich dort nicht nur Freunde.

Dampfplauderer, Ypsis Sonnengott, Weltretter, Utopist, Möchte-Gern-Al Gore-Double, Menschheitsbeglücker, Guru, das waren noch die mildesten unter den Epitheta, die man ihm im Vorfeld der Hessenwahl von 2008 anhängte. Der FAZ reichte „Geisterfahrer“ und für den Zeit-Chef das Wort „altlinks“ zum Abwinken; ebenso kontext- und argumentfrei dekretierte der ehemalige linksradikale Chefredakteur der Welt, Scheers energiepolitische Konzeption für Hessen sei „Unsinn“, und die Lohnschreiber zitierten aus anonymen SPD-Quellen, „Scheer müsse seiner irren Ideen wegen ganz ausgeschaltet werden". Weder in der Presse noch in der eigenen Partei gab es eine argumentative Auseinandersetzung mit dem Vorhaben, Hessen in 15 Jahren ohne Atom und Kohle energetisch umzurüsten. Es wäre auch interessant gewesen, sich mit der spektakulären Idee, entlang der Autobahnen und Bahntrassen Windräder zu installieren, auseinanderzusetzen. Stattdessen Intrigen aus der Führungsriege.

Und was für Hessen gilt, das gilt auch für IRENA. Da legt einer fast im Alleingang die Fundamente einer solaren Weltorganisation zur Propagierung und Durchsetzung der Erneuerbaren Energien, und weder diese Tatsache, noch das erbärmliche, von Parteitaktik dominierte Gerangel um die Besetzung dieser Institution war der großen Presse ein paar große Artikel wert. 2009 kandidierte Hermann Scheer nicht mehr für den Bundesvorstand der SPD, dem er sechzehn Jahre lang angehört hatte, und begründete dies in einem Brief unter anderem damit, dass „es allzu üblich geworden“ sei, „politische Machtspiele auszutragen, Scheinlösungen zu produzieren und inhaltsfremde personelle Rücksichten zu nehmen“ und er darin nicht involviert sein wolle.

Für ihn war das kein Grund zur Klage. Es hat ihn nicht einmal gewundert. Auch in der engeren politischen Arena war er ein Realist, kein Utopist. Er liebte die „offene und kontroverse politische Diskussion" – das war der erste Satz in seinem Buch über die Politiker. Die Fixierung auf die Alphatiere, die Undurchlässigkeit des Parlaments wie der Presse, die postmoderne Resignation vor, ja bitte: „Menschheitsfragen“ – all das hat er in diesem Buch analysiert und kritisiert, gejammert hat er darüber nicht. Natürlich werde „gelogen, eingeschüchtert, behindert, belogen oder übergangen. Selbstverständlich geschieht dies – wie im allgemeinen Lebenskampf". Punkt. Politiker seien auch machtgeil, idealistisch, medialnarzisstisch, gemeinwohlorientiert, aber selten nur eins davon, und deshalb sei Parteienschelte Unfug, mit ihr machen wir uns dümmer als wir sind. „Die Politiker" ist ein Lehr- und Motivierungsbuch zum politischen Handeln in den Strukturen, wie sie nun einmal sind, eine Lehre von den Hindernissen, getragen von nüchternem Pathos, von der Passion zum Bohren dicker Bretter – als hätte er noch bei Max Weber im Heidelberger Seminar gesessen. Im Fokus seiner Kritik steht die zunehmende Bedeutungslosigkeit, das Verdampfen der nationalen Gestaltungsmacht von Parlamenten im Zeitalter der globalen neoliberalen Wende und durch die gegenwärtige Form des europäischen Binnenmarktes, in der die „absolutistische" Generaldirektion Wettbewerb jegliche Strukturpolitik unmöglich mache. Das zerstöre die Identifikation der Bürger mit ihrem Staat und züchte den Populismus: „Die Kernforderung dieses Buches ist vielleicht die einzige, die derzeit in allen Ländern der Welt mehrheitsfähig ist: die Wiedereinführung der parlamentarischen, gewaltengeteilten Demokratie! Die demokratische Verfassung als Grundsatzprogramm!“

Hermann Scheers Gründung EUROSOLAR ist keine Lobby, kein Bundesverband mittelständischer Innovatoren, es ist keine politische Partei, keine Anwaltskanzlei für Energiefragen, keine PR-Agentur, keine Infozentrale für Solarunternehmer und keine Bundeszentrale für solare Bildung – sondern alles dies. Als Organisation steht EUROSOLAR quer zu der gängigen soziologischen Trennung der Systeme von Politik, Ökonomie und Wissenschaft, seine Mitglieder sind politische Aktivisten, Politiker verschiedener Parteien, Wissenschaftler, Kommunalbeamte, Unternehmer, Ingenieure, und seine Aktivititäten reichen von handwerklicher Spezialexpertise bis hin zur Aufklärung über die „gesamtgesellschaftliche, ja weltzivilisatorische“ Aufgabe, die in diesem Jahrhundert bewältigt werden muss – so schreibt es Hermann Scheer. Es ist eine Organisation, die zu ihrem Gründer passt. Eine Aufklärungsagentur, theoretisch wie praktisch, gelehrt wie frech, zwischen den Erkenntnissen der Naturwissenschaft und der Idee einer guten Gesellschaft vermittelnd. Ein Organ der Neuen Zeit, einer der Knotenpunkte in einem globalen Netzwerk, in dem die Zukunft einer neuen Epoche vorbereitet wird.

Auch am Anfang unserer Epoche des fossilbefeuerten Industriekapitalismus und des nie beendeten Kampfes um Demokratie standen solche Netzwerke. Die Bewegung der Enzyklopädisten, um nur das bekannteste europäische zu nennen, war beides: eine politische Inititative zur Ablösung der Herrschaft von Kirche und Feudalen und zur Propagierung der fortgeschrittensten Techniken ihrer Zeit. Ihre Aktivisten, ihre Parteigänger, ihre Leser in ganz Europa kamen aus dem Adel, dem Klerus, der aufstrebenden Bürgerschicht, dem Volk. Advokaten und Philosophen kämpften gegen die Despotie der Grundbesitzer, verteidigten die Lebensinteressen der Nationen gegen die aggressiven letzten Gefechte funktionslos gewordener Stände, innovative Unternehmer wollten sich aus den Fesseln der alten Produktionsweise befreien, eine neue Schule von Nationalökonomen begründete die rationale Volkswirtschaft. 

Der Artikel „Holz“ der Grande Encyclopédie warnt vor der ökologischen Katastrophe, die sich Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich anbahnte: die völlige Abholzung der Wälder auf der Ile-de-France für den Feuerholzbedarf der Metropole Paris. Denis Diderot plädierte für einen präventiven und radikalen Systemwechsel: die schnelle Umstellung auf die neue Energiequelle Kohle. „Es scheint mir“, schreibt er, „dass mein Vorschlag nützlich ist, aber ich gebe zu, dass er einen großen Fehler hat. Er zieht eher die Interessen unserer Enkel in Betracht als unsere – und wir leben nun einmal in einem Zeitalter, dessen Philosophie zufolge jedermann alles für sich tut und nichts für die Nachwelt.“ Und Hermann Scheer ist nicht nur einer der wichtigsten Männer des beginnenden 21. Jahrhunderts, er steht in der großen europäischen Tradition – und nicht zuletzt verkörperte er den wichtigsten Antrieb der Aufklärung: das Streben nach Glück und Genuss. Auf die Frage, nach den kulinarischen Genüssen, die er besonders schätze, antwortete er: „Pflaumenkuchen, Rhabarberkuchen, Stachelbeerkuchen, Streuselkuchen, Schokolade". In diesen Tagen wäre er fünfundsiebzig Jahre alt geworden. 

 

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    Hermann Scheer (1944 – 2010)

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