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„Für den Erfolg der Energiewende brauchen wir die Vielen"

Grußwort von Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies, erschienen im Solarzeitalter 2/2019

Am 15. und 16. März organisierte EUROSOLAR gemeinsam mit den Stadtwerken Marburg die jährlich stattfindende Konferenz „Stadtwerke mit Erneuerbaren Energien“. Dr. Thomas Spies, Oberbürgermeister der Universitätsstadt Marburg, begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am ersten Konferenztag mit einer ermutigenden Rede.

Ich heiße Sie herzlich willkommen in der Universitätsstadt Marburg, die sich auf den Weg zur Solarstadt gemacht hat und den Weg in das erneuerbare Energiezeitalter von vorne gestalten möchte.  

Die Klimakrise ist die größte Herausforderung, die vor uns liegt, und sie ist schon heute, aber vor allem in der Zukunft die Ursache zahlreicher Probleme. Wir sehen den Anstieg des Wasserspiegels und Dürreperioden – Sie als kommunale Versorger kennen die Probleme der unzureichend gefüllten Wasserspeicher besser als ich. Die Klimakrise ist Ursache und wird noch weit mehr Ursache sein von Flucht und Vertreibung, Krieg und Bürgerkrieg, um nur wenige Aspekte zu nennen. Es gibt keine Alternative zur Lösung der Klimakrise, einer Lösung, in der wir die wirtschaftlichen Chancen in der neuen innovativen Energiewelt heben wollen und die Lasten sozial und fair verteilen und nicht auf dem Rücken der Ärmsten abladen!

Wir freuen uns, dass EUROSOLAR bei uns zu Gast ist – der Verein von Hermann Scheer, der durch sein beharrliches Werben und Wirken für das 100.000-Dächer-Solarstrom-Programm und das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) den Weg mit dafür bereitet hat, dass wir heute sagen können: Die Energiewende weg von Atom und Kohle hin zu 100 % Erneuerbaren Energien ist keine Utopie mehr. Wir können das heute in die Hand nehmen, weil das EEG die Preise der Erneuerbaren Energien gesenkt hat und sie heute als die günstigsten Energieträger zur Verfügung stehen. Politisch geht es heute nur noch darum, die vielen unnötigen politischen Bremsen zu lösen, damit sich die Energiewende – weg von Kohle- und Atomstrom – entfalten kann. Was ist aber schon jetzt in der Praxis möglich – und zwar trotz aller Bremsen? Das ist es vor allem, worauf Sie heute und morgen Ihr Augenmerk in Marburg richten. Und das ist hier in Marburg hoch willkommen.

Die Schülerinnen und Schüler, die auch in Marburg für „Fridays for Future“ in großer Zahl auf die Straße gehen, haben den Appell an uns Erwachsene gerichtet, dass wir die Zukunft in die Hand nehmen und gestalten sollen. Wir in Marburg nehmen uns dieser Aufgabe seit Jahren an und wollen unsere Initiative nochmals verstärken. Deren Fundament ist zuvorderst unsere Marburger Solar-Pflicht, die wir seit 2011 in jedem Bebauungsplan verankern – die Fortsetzung unseres starken Engagements für die Solarsatzung, für die wir 2008 sogar von EUROSOLAR mit dem Deutschen Solarpreis ausgezeichnet worden sind. Und sehr geehrter Staatsminister Tarek Al-Wazir: Wir würden uns sehr freuen, wenn das Land Hessen endlich den Kommunen ihre Satzungshoheit auch für globale Herausforderungen wieder zurückgeben würde, damit wir die wirkliche Solarsatzung beschließen können.

Zu erwähnen sind hier außerdem der Bürger-Stadtwerke-Windpark Wehrda, die Biogasanlage Cyriaxweimar und die Solarparks der Stadtwerke, etwa in Wehrda. Doch in Marburg wollen wir uns auf diesen Erfolgen nicht ausruhen, sondern mehr erreichen. Unser Anspruch dabei: Sozial und wirtschaftlich verantwortungsvoll handeln und die Vielen mitnehmen, denn für einen Erfolg der Energiewende brauchen wir die Vielen und können uns nicht auf die Wenigen verlassen, z.B. die großen Energiekonzerne, die mit abgeschriebenen Kohlegroßkraftwerken viel Geld verdienen. Sie werden alles dafür tun, den Energieumstieg immer weiter zu verzögern.

Wir brauchen die Vielen. Um sie zu erreichen, haben wir verschiedene Projekte auf den Weg gebracht: Zum einen setzen wir auf solaren Mieterstrom – die heute günstige Solarenergie, von der in Marburg auch die Mieterschaft profitieren soll. Besonders dankbar bin ich deshalb für den Praxisblock der Stadtwerkekonferenz zum Mieterstrom und die interessanten Praxisbeispiele aus Frankfurt, Gelnhausen und nicht zuletzt aus Marburg, worauf wir besonders stolz sind: Dazu bedanke ich mich stellvertretend bei unseren neuen Geschäftsführern Holger Armbrüster (Stadtwerke Marburg) und Jürgen Rausch (GeWoBau Marburg) für  die gute Zusammenarbeit unserer  städtischen Tochtergesellschaften, die wir für das soziale Projekt des solaren Mieterstroms intensivieren wollen. Auch mit dem sozialen Energiebonus für warmmietenneutrale Gebäudemodernisierungen sind wir auf einem guten Weg, die Mieterschaft sozial gerecht einzubinden und größere Akzeptanz zu schaffen.

Um die Vielen zu erreichen, setzten wir auf Elektromobilität, weil die vielen PKW-Fahrer so ihren Beitrag für die Energiewende – weg vom Öl, hin zu erneuerbarem Strom – leisten können. Dazu werden wir in diesem Jahr in die öffentliche Ladeinfrastruktur investieren: Vier Ladestationen in der Innenstadt, kombiniert mit nachhaltigen Car-Sharing-Angeboten und als Nächstes eine größere und verkehrsgünstig erreichbare Schnellladestation. Auch wollen wir unsere Busflotte elektrifizieren, damit unser gut ausgebauter ÖPNV noch mehr zur Energiewende und zu sauberer Luft beiträgt: Mit Hybrid-Oberleitungsbussen auf den am stärksten frequentierten Routen die Berge hinauf, die teils batterieelektrisch und an unseren steilen Berghängen mit Oberleitungen fahren. Ich freue mich daher, dass morgen der Geschäftsführer der Stadtwerke Solingen zu uns sprechen wird, der uns an den Solinger Erfahrungen teilhaben lässt.

Die Energiewende ist nicht nur unerlässlich und unverzichtbar, sie muss auch zu einer Demokratisierung der Energieversorgung führen. Mit vielen kleinen Projekten in Bürgerhand, mit einer Stärkung der Stadtwerke als den Versorgern in Bürgerhand schaffen wir eine Energiewende, die zugleich die Abhängigkeit von und damit die Erpressbarkeit durch große Energiekonzerne, wie wir sie jahrzehntelang erlebt haben, beseitigt. Genau das war der Vorschlag von Hermann Scheer, und daran sollten wir festhalten. Einen besonderen Dank richte ich an Vorstand und Geschäftsstelle der gemeinnützigen Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien – EUROSOLAR e.V. – und unser Team von den Stadtwerken Marburg. Sie haben ermöglicht, dass diese wichtige Energiewende-Konferenz im 13. Jahr in der Universitätsstadt, der Solarstadt Marburg, stattfinden kann.

„Fridays for future in practice“ – dafür brauchen wir die vielen lokalen Akteure der Energiewende, denn Erneuerbare Energie ist überall, und die Vielen bringen Sie hier zusammen, um ganz praktisch Vorbilder der Energiewende in die Breite zu tragen. Dafür wünsche ich Ihnen und uns allen viel Erfolg. Wir brauchen das, damit wir irgendwann sagen können: Der Weckruf kam an, die Mission erfüllt, jeder Tag ist erneuerbar.

 

Den vollständigen Text finden Sie auch hier als PDF-Dokument.

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