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Editorial 02-2019

Editorial von Irm Scheer-Pontenagel, erschienen im Solarzeitalter 2/2019

„Nicht der Ausbau von überregionalen Übertragungsnetzen steht (…) auf der Tagesordnung, sondern die Regionalisierung von Netzsystemen durch kommunale und regionale Stromunternehmen.“

Hermann Scheer (1944 – 2010)

Es bedurfte wohl erst der weltweiten Jugendbewegung „Fridays for Future“ als Weckruf für die deutsche Politik. Auch die Umweltministerkonferenz wurde von Forderungen der Jugend begleitet und die einstimmig gefassten Empfehlungen der Minister an die Bundes- und Länderpolitik gehen in die richtige Richtung. Jetzt wird es auf die praktische Umsetzung und ihren Zeitrahmen ankommen. Dieser Prozess sollte von der politisierten Jugend ebenso kritisch begleitet werden. EUROSOLAR begrüßt und unterstützt dieses Engagement. Das SOLARZEITALTER dokumentiert die Forderungen von „Fridays for Future“.

Mit der Verabschiedung des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) als Markteinführungsprogramm für Erneuerbare Energien (EE) und weiterer Regelungen wie dem 100.000-Dächer-PV-Programm oder der Steuerbefreiung für Biokraftstoffe hatte sich Deutschland an die Spitze der Energiewende-Länder gestellt – mit lange anhaltender weltweiter Anerkennung. Fördernde politische Rahmenbedingungen waren dazu die entscheidende Voraussetzung. Allerdings hat Deutschland auch gezeigt, wie schnell eine positive Entwicklung in sich zusammenfällt, wenn dieser politische Wille in eine andere Richtung umschlägt: Deckeln statt fördern, Deformation des EEG durch Ausschreibungen, Einschränkung der Akteursvielfalt durch technologieübergreifende Ausschreibungen für Wind- und PV-Anlagen, Zurücknahme der Steuerbefreiung für Biokraftstoffe – das alles mit negativen Folgen. Deshalb ist Deutschland im Energy Transition Index 2019 von dieser Vorreiterrolle auf Platz 17 zurückgefallen.

Der Energiesystemwandel kann nur erfolgen, wenn er politisch gewollt ist und dem Gemeinwohlinteresse dient. Ein Energiesystem, das von allen gebraucht und getragen werden muss, ist ohne die Klärung der Grundfrage nach den Akteuren – wer profitiert und wer trägt die Kosten – nicht politisch gestaltbar. Die Techniken zur Nutzung der EE orientieren sich am effizientesten an den dezentralen Quellen Sonne, Wind, Wasserkraft und Biomassenutzung vor Ort – je nach Angebot und Nachfrage.

Die Bereitstellung der EE in Deutschland wurde bisher überwiegend von Privatpersonen, Landwirten, Gewerbetreibenden und Stadtwerken in Zusammenarbeit mit den Kommunen und Städten getragen. EUROSOLAR veranstaltete Mitte Mai in Marburg die 13. Konferenz „Stadtwerke mit Erneuerbaren Energien". Neben einem ersten Bericht über diese Konferenz lesen Sie das Grußwort des Marburger Oberbürgermeisters Thomas Spies.

Nach der politischen Entscheidung, das EEG auf Ausschreibungen für Großanlagen zu fokussieren, investieren Aktienunternehmen wie RWE und E.on sowie die überregionalen Netzbetreiber in EE, mit Offshore-Anlagen in der Nord- und Ostsee oder großen PV-Freiflächenanlagen. Dabei agieren diese Konzerne als Investoren in Anlagen zur Produktion von Strom zu hohen Kosten, dessen Abnahme nicht gesichert ist. Das Ausbaubeschleunigungsgesetz soll dies nun richten. Die Übertragungsnetzbetreiber haben der Bundesnetzagentur dazu den zweiten Netzentwicklungsplan 2030 vorgelegt mit den erhöhten Kosten auf 61 Milliarden Euro. Im Interview mit dem SOLARZEITALTER beantwortet Claudia Kemfert unter anderem auch die Frage nach den Folgen für die Netzentgelte.

Wenn sich das Geschäft der Übertragungsnetzbetreiber nun auf den Ländergrenzen überschreitenden „Stromhandel“ konzentriert, dann sollte dieses Geschäftsmodell der Konzerne auch als solches benannt werden. Ebenso sollte klar sein, inwieweit der Netzausbau dazu dem regionalen Gemeinwohlinteresse widerspricht. Offshore-Strom aus dem Norden und PV-Strom aus Freiflächenanlagen mit dem Ausbau transnationaler Netze als Geschäftsfeld der Großakteure steht im Widerspruch zur Energiesystemwende in Deutschland, die von der Gesellschaft und ihren Bürgern getragen wird. Hier geht es regional um den Ausbau der Verteilnetze und die Vor-Ort-Option zur Sektorenkopplung (Mobilität und Wärme), um der regionalen Vollversorgung mit EE näher zu kommen. Wenn heute das überkommene Versorgungssystem, das sich allein aus seinen zentralen atomar-fossilen Strukturen legitimierte, ein gleiches Geschäft mit EE weiterbetreiben will, so steht das allein im betriebswirtschaftlichen Interesse. Eine am Gemeinwohl orientierte Politik ist verpflichtet, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine enge Verknüpfung von Energieangebot und -verbrauch durch das regionale Angebot von EE sicherstellt.

Nach einem sechsjährigen Vergabeverfahren hat das Land Berlin nun nach langen Bemühungen den Zuschlag zur Rekommunalisierung seines Stromnetzes erhalten – Glückwunsch allen Akteuren! Das Beispiel sollte weitere Länder, Kommunen und Städte zum Rückkauf ihrer Netze motivieren. Aufmerksam macht in diesem Zusammenhang das Projekt der Deutschen Luft- und Raumfahrt (DLR mit Partnern) „open_eGo“ zur Schaffung eines offenen Daten- und Softwarepools mit Zugriffsmöglichkeit für alle Akteure der Energiewirtschaft. Dabei soll im Rahmen der Energiesystemmodellierung auch die Möglichkeit zur Bewertung geschaffen werden, ob ein Vorhaben eines Netzbetreibers nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern auch volkswirtschaftlich vorteilhaft ist.

EE-Strom wird regional zunächst von dezentralen Verteilnetzen aufgenommen und bietet neben dem direkten Verbrauch und Versorgung Chancen zur weiteren Energieautonomie mit Sektorenkopplung, zur Elektromobilität und unterstützenden Wärmeversorgung und führt mit dem Einbinden von Speichertechniken zu einer dezentralen Vollversorgung. Die positive Entwicklung bei privaten, städtischen, betrieblichen, genossenschaftlichen Nutzungen sowie dem Mieterstrommodell und Quartiersversorgungen mit EE belegen diese Möglichkeiten.

Weltweit bauen immer mehr gerade große Firmen und Unternehmen auf Eigenerzeugung und Selbstversorgung – entweder über das Gebäude selbst oder auf dem eigenen Gelände, weil es billiger ist und zudem (Netz-)Kosten spart. Beispiele von autonomen Privathäusern, Siedlungen, Firmen, Bürogebäuden, Bahnhöfen ließen sich für Deutschland und Europa in großer Zahl aufzeigen. Viele von diesen Projekten wurden von EUROSOLAR und anderen Organisationen mit Preisen ausgezeichnet. Diese Entwicklung und der schnellere Ausstieg aus der Kohlestromproduktion, der die Netze entscheidend entlasten wird, verpflichtet die politischen Entscheidungsträger, den Ausbau der Übertragungsnetze (Trassen) zu überdenken.

Deutschland ist in vielen Fragen der Energiewende mit EE in Europa vorangegangen, besonders bei der Schaffung einer gesetzlichen Regelung zur Markteinführung von EE über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). In anderen Ländern hat sich gezeigt, dass politische und regionale Bedingungen andere Schwerpunktsetzungen erfordern. Ein Austausch über diese regionalen Erfahrungen ist daher sehr wertvoll und es freut uns, dass es auch in den Niederlanden dank engagierter EUROSOLAR-Mitglieder die Initiative zur Gründung einer EUROSOLAR Sektion gibt. Johannes Kissel, Alejandra Prada, Michael Mechlinski und Arturo Loayza berichten über die dezentrale Stromerzeugung in Bolivien und Axel Berg wirft einen Blick auf die Zusammenhänge zwischen Energiewende und Agrarpolitik.

Die 13. Internationale Konferenz zur Speicherung Erneuerbarer Energien (IRES) in Düsseldorf machte deutlich, welch große Fortschritte in der Entwicklung von Speichertechniken im Zeitraum seit der ersten Konferenz 2006 erreicht wurden. Das SOLARZEITALTER veröffentlicht die Konferenzbeiträge Florian Valentin und David Reichwein sowie Ulf Herrmann, Mark Schwarzenbart, Sören Dittmann-Gabriel und Martin May.

Kein Energiesystem kommt ohne Speicher aus. Aber besonders bei den EE wurde deren angeblich fehlende Grundlastfähigkeit bemängelt, die Notwendigkeit fossiler Energien als unumgänglich betont und in der Argumentation die Kosten der weltweiten „Transportnetze“ unterschlagen. Das hat dazu geführt, dass Deutschland in der Energiesystemwende noch immer und damit viel zu lange an zwei sich widersprechenden Systemen festgehalten hat. Das treibt die Kosten und untergräbt die Notwendigkeit für einen schnellen Systemwechsel. Das kritisieren nicht nur die Jugendlichen mit ihren vielfältigen und anhaltenden Aktionen unter dem Titel „Fridays For Future“.

Mathias Greffrath erinnert facettenreich an Hermann Scheer, der Ende April 75 Jahre alt geworden wäre. Franz Alt fragt in seiner Kolumne, weshalb die Bundesregierung den Klimawandel verschläft.

 

Das vollständige Editorial finden Sie hier als PDF-Dokument.

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  • Editorial 03-2019

    Editorial von Irm Scheer-Pontenagel, erschienen im Solarzeitalter 3-4/2019

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    Hermann Scheer (1944-2010)

  • Städte im Aufstand: Gegen einen ignorierten Notstand

    Artikel von Prof. Peter Droege, erschienen im Solarzeitalter 3/2019

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  • Energiewende und Waldoption – Argumente für eine Doppelstrategie der Klimapolitik

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    In der Klimawissenschaft wie in der Klimapolitik haben sich Gruppen gebildet, die nicht miteinander kommunizieren, sondern sich voreinander abschotten. Im Ergebnis werden der technische Weg zum Klimaschutz – die „De-Karbonisierung“ – und der natürliche Weg – die „Re-Naturierung“ – von Wissenschaftlern wie von Politikern nicht als zwei Wege zum gleichen Ziel gesehen, obwohl es viele gute Gründe für eine solche Doppelstrategie gibt.