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Städte im Aufstand: Gegen einen ignorierten Notstand

Artikel von Prof. Peter Droege, erschienen im Solarzeitalter 3/2019

EUROSOLAR, unsere Mitglieder und ein frisch gewählter Vorstand gehen das Jahr 2020 mit zwei eng verknüpften Themen an: die Zukunft der Städte und der sich stündlich dramatisch verschärfende Klimanotstand. Damit beginnt EUROSOLARs eigentliche Arbeit aufs Neue – und damit auch unsere wichtigste Aufgabe: Nicht nur den Energienotstand für Deutschland, Europa und die Welt auszurufen, sondern mit unseren Erkenntnissen und Forderungen zu retten helfen, wer und was denn noch zu retten ist.

Weltweit haben über tausend Städte und einige Länder einen Klimanotstand erklärt. Dies geschieht nicht, weil die fossile Klimadestabilisierung eine neue Erkenntnis ist, sondern aus nackter Verzweiflung. Denn trotz Millionen von Konferenzen, PowerPoint-Präsentationen und Absichtserklärungen wurden in mehr als einer verlorenen Generation keine effektiven Maßnahmen unternommen, die fossile Dominanz zu neutralisieren. Und auch die Städte wissen, dass in einer fossilen Welt keine einzige Stadt auf die realen Auswirkungen des Klimachaos vorbereitet sein kann. Trotz aller optimistischer Statistiken hat dieses wahrhaftig „dunkle Imperium“’ in der Tat noch Überhand im Lenken unserer Regierungen. Effektives Handeln im sogenannten Klimaschutz wird seit einer Generation systematisch geblockt – obwohl nur eine entschiedene und schnelle, 100-prozentige Wende ins erneuerbare Zeitalter als Basis aller anderer Maßnahmen effektiv sein kann.

Systematisches politisches ‘Ver-sagen’ über Jahrzehnte hinweg hat die Menschheit in die nun lichterloh brennende Klimasackgasse getrieben. Der irdische Treibhausgaseffekt ist bereits seit der Arbeit englischer und deutscher Physiker in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt. Spätestens seit Svante Arrhenius’ Papier von 1896 über den Effekt der karbonischen Säure auf die Temperatur der Erde, weiß die Menschheit, zumindest in groben Zügen, um die langfristige Gefahren der fossilen Energieressourcenverbrennung.

Die Fridays for Future-Bewegung wie die Scientists for Future-Appelle setzen auf das Pariser Abkommen und fordern, dass eine träge, irregeführte und in fossile Subventionen getränkte Welt effektiv gegen die Ursachen der Emissionen eingreift, und zwar rechtzeitig, um sich auf ein theoretisches Budget von 420 Gigatonnen an „akzeptablem“ CO2–Ausstoß zu beschränken.

Sie ignorieren jedoch dabei, dass ihre Position bei Weitem nicht stark genug ist, da 1,5 Grad Erderwärmung über vorindustrielle Zeiten ganz offensichtlich bereits zu viel sind. Die Arktis begann schon bei einem Drittel dieser Erwärmung zu schmelzen. Das Ziel muss demnach null Grad über vorindustriellen Werten liegen – unter dem gegenwärtigen. Aktuell hat sich die Erdoberfläche um durchschnittlich knapp 1,3 Grad erwärmt: In Deutschland sind es bereits über 2,5 Grad. Dabei ist die Sensitivität unserer Biosphäre erstaunlich: Ein nur 0,2-0,3-prozentiger Temperaturanstieg hat bereits dazu geführt, dass alle Gletscher und beide Pole zu Schmelzen beginnen.

Dies ist ein langer energetischer Notstand. Unsere Wirtschaft ist bereits weit über das tragbare Maß an Emissionsausstoß hinausgeschossen. Und 20 Jahre von Mittäter-Regierungen weichgekochte Zusammenfassungen des Weltklimarates haben uns in der Sicherheit eines ewigen Chors des „Mehr, mehr, mehr ist möglich an Emissionen“ gewiegt. Während CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre bereits 40 % über dem langfristigen Pegel liegen (410 Teile pro Million gegenüber 280), sieht beim Methan noch düsterer aus: Dessen Konzentrationspegel liegt bereits knapp 250 % über dessen stabilen Langzeitwert (1850 Teile pro Milliarde gegenüber 750). In der Vorgeschichte bedeuteten ähnliche Steigerungen vier bis zwölf Grad Celsius Temperaturanstieg. Ein großer Teil der Lebensmittelproduktion versiegt wahrscheinlich bereits bei einem viel geringeren Anstieg. Daher: Nicht Klimaneutralität oder „Null-Emissionen“ sind nötig, sondern Reduktionen der Emissionen um 150 % - weit unter null, durch Abbauen bereits bestehender atmosphärischer Überkonzentrationen.

Kein Wunder, dass das Paläozän-Eozän-Temperaturmaximum (PETM) von vor etwa 55.500.000 Jahren zum Vergleich hergezogen wird. Denn damals hat ein ähnlicher, bisher nicht völlig verstandener Anstieg – vielleicht durch Vulkanausbrüche ausgelöst – zum Absterben beinahe allen Lebens in den Meeren geführt. Diese rasante Temperaturanstieg von sechs bis acht Grad war nur wenige tausende Jahre „schnell“ – ein Augenblick im Alter der Erde. Die Herausforderung unserer Zeit, die ich das Pleistozän-Anthropozän-Temperaturmaximum(PATM) nenne, ist, dass wir durch den fossilen Verbrennungswahn nicht nur die jährlichen PETM-Emissionswerte sehr wahrscheinlich um das 40-fache übersteigen, sondern dies auch in einem winzigen Bruchteil des ohnehin sehr kurzen damaligen Zeitraums tun: Innerhalb von 50 Jahren. Die von der Albedo getriebenen Hitzewellen in der Arktis stören den Polarwirbel, was wiederum die globale Strahlstromsysteme in ein taumelndes Chaos treibt und weiter weltweite Hitzewellen verstärkt. Manche, wie der unlängst verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking, spekulierten, dass durch den Schock serienmäßiger Kippeffekte ein Abdampfen von Biosphäre samt Ozeane, und damit ein Venus-ähnlicher Heiß-Planet resultieren könnte.

Etwa 1.200 Städte und Gemeinden haben zur Zeit der Publikation dieser Ausgabe soweit einen Klimanotstand ausgerufen, mit deren knapp 550 Millionen Menschen. In Großbritannien leben 80 % der Einwohner in Gemeinden, die bereits einen Klimanotstand erklärt haben. Städte sind nicht nur Orte der konzentrierten Fossilenergienutzung, hier finden auch die höchsten lebenstilbedingten Energienutzungen statt.

Die wenigsten haben sich jedoch zu konkreten Aktionen gestellt. Daher seine hier einige notwendige Aktionen aufgeführt, als Programm ab 2020:

- 100% erneuerbare Energie-Einführung sofort als nationales Notprogramm und existentielle Grundvoraussetzung
- Verbot der Kohleverbrennung und radikales Abbauen von Öl- und Erdgasnutzung
- Abbau pseudo-erneuerbarer Biomassenutzung (Wald- und Torfverbrennung)
- Nutzung von Holz und Karbonprodukten im Bau und anderen Gebieten der Industrieproduktion
- Freiwillige Rationalisierung, Reduktion, Abflachen von Konsum und wirtschaftlicher Aktivität
- Ende der Waldrodung und Torfzerstörung: Aufforstung, Schutz und Expansion von Mooren
- Einführung biologischer Landwirtschaft, Verbot von Fleischproduktion auf Rodungsgebieten

Prof. Peter Droege ist Präsident von EUROSOLAR e.V.


Den vollständigen Artikel finden Sie hier als PDF-Dokument.

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    Editorial von Irm Scheer-Pontenagel, erschienen im Solarzeitalter 3-4/2019

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    Hermann Scheer (1944-2010)

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