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Editorial 2 - 2020

„Politische Konzepte zur Mobilisierung EE müssen (deshalb) die volkswirtschaftlichen Vorteile in einzelwirtschaftliche Anreize übersetzen. Diese Vorteile – und damit die eigenen volkswirtschaftlichen Spielräume für einen Energiewechsel – gehen aber verloren, wenn EE aus anderen Ländern importiert würden, wo sie kostengünstiger produziert werden könnten.Volks- und regionalwirtschaftliche statt isolierter betriebswirtschaftlicher Kalkulationen müssen deshalb der Maßstab für Transformationsstrategien sein.“

Hermann Scheer (1944 – 2010)

 

Editorial von Irm Scheer-Pontenagel

Die Energiesystemwende der letzten zehn Jahr gleicht einem Trauerspiel. Die Deformation des EEG durch Ausschreibungen für Wind- und PV-Anlagen, Deckelung und Korridore zur Eindämmung der erfolgreichen Sonnenenergienutzung als der einzigen kostenlosen Primärenergiequelle zeigt ihre Folgen.

Klimaverpflichtungen zur CO2-Minderung (Pariser Klimaabkommen) können trotz Corona- bedingter Wirtschaftskrise nicht eingehalten werden. Bei der letzten Ausschreibungsrunde kommen Windkraftanlagen kaum zum Zuge und PV Ausschreibungen sind überzeichnet und kommen somit ebenfalls nicht vollständig zum Tragen. Diese Einspeise- und Nutzungsregelungen Erneuerbarer Energien (EE) sind wohl niemandem mehr vermittelbar außer denjenigen, die dieses Verhinderungssystem erdacht und über zehn Jahre erfolgreich betrieben haben.

Es gab einmal in Deutschland eine politische Kraft, die es ernst meinte mit der Energiewende als Energiesystemwende. Einer Logik, der man sich in der ganzen Welt nicht entziehen konnte. Die Akteure kamen aus der Mitte der Gesellschaft, der Wissenschaft, Wirtschaft sowie Teilen der Politik für diese erste erfolgreiche Strategie vom Einspeisegesetz 1991 bis zum Erneuerbare Energie Gesetz EEG 2000. Ein Gesetz des Deutschen Parlamentes, das weltweit Beachtung fand. Wie verhängnisvoll sich politische Planvorstellungen und Lenkungen auswirkten, haben die letzten zehn Jahre gezeigt. Die Stellungnahme von EUROSOLAR konzentriert sich daher auf die Korrektur der Fehler, die bei den bisherigen Novellierungen zur Deformation des Gesetzes geführt haben (s. S. 32). Wenn heute bei der weiteren Novellierung des EEG eine nochmalige Ausweitung von Regelungen über verwirrende Verordnungen zu befürchten ist, sollte dies die Parlamentarier alarmieren, denn es geht um „ihr Gesetz“ und damit um die demokratische Mitwirkung der Bürger. (s. zur aktuellen EEG Novelle: Nina Scheer)

Dezentral effektiv und kosteneffizient als enge Verknüpfung von Produktion und Verbrauch ist die Prämisse für eine Energiesystemwende mit EE. Regionale und kommunale politische Voraussetzungen sind dabei die Grundlage. Regelungen des „Green Deal“ der Europäischen Union müssen den Einstieg in diese Praxis der Mitgliedsländer unterstützen. Der CO2-Zertifikatehandel der EU war trotz umfassender Bürokratie wenig erfolgreich und es bleibt unverständlich, warum die Bundesregierung dieses System auf die Bereiche Wärme und Mobilität in Deutschland ausweiten möchte. Der Handel mit „Verschmutzungsrechten“ war immer umstritten. Die Erwartung, die Erlöse unterstützten den dezentralen Ausbau EE ist wenig wahrscheinlich. Selbst die Einnahmen sind fraglich und kaum berechenbar, da von international schwankenden Energiemärkten abhängig. Eine Steuer auf Verschmutzungen wäre dem gegenüber verständlich.

Die Praxis der Energiewende hat gezeigt, ein Anreiz, auf fossile Energien zu verzichten, kann nur in dem alternativen Angebot des beschleunigten Ausbaus EE liegen. Es erhärtet sich der Verdacht, nicht der schnelle Ausstieg aus allen fossilen Energien ist das vorrangige politische Ziel, sondern es wird nach Wegen gesucht, durch ein „Sowohl als auch“ an den alten Monopolstrukturen mit Börsenlogik und Handelssystemen festhalten zu können. Ein Beispiel dafür ist die halbherzige Diskussion um „grünen“ Wasserstoff, dessen Produktion – für eine Übergangszeit? – auch aus fossilem Gas zu akzeptieren sei. Ebenso scheinen Gedankenspiele für eine kleinteilige dezentrale Atomenergiestrategie kein Tabu mehr zu sein. Die Dringlichkeit zur Diskussion solcher Forderungen wird jeweils mit dem steigenden Druck der Klimafolgenverpflichtungen begründet.

Die Integration der EE in das Marktsystem der fossilen Energiewirtschaft mit ungleichen Marktteilnehmern konnte nicht funktionieren und wurde zu einem von den Bürgern zu tragenden Kostenfaktor. Großverbraucher der Industrie werden subventioniert und Kostenvorteile der EE nicht an die Bürger weitergegeben. Eine Regelung, vor der früh gewarnt wurde. Leider schreitet diese Entwicklung kontinuierlich fort – ohne eine grundsätzliche Systemänderung. Das Interview mit Uwe Leprich greift diese Fragen umfassend auf. Dabei gilt es, denn Blick nach vorne zu richten, aber auch, aus Vergangenem zu lernen. In diesem Zusammenhang mahnt Johannes Lackmann in seinem Beitrag die Geschichtsvergessenheit der heutigen Erneuerbare-Energien-Branche an. Dabei müsse das ehrende Gedenken an die Vorreiter der Energiewende mit Leben gefüllt werden.

In Zeiten der deutschen EU-Präsidentschaft wird es auch wichtig sein, den Blick auf die Landwirtschaftspolitik zu richten, dem widmen sich zwei Beiträge dieser Ausgabe. Konrad Scheffer, langjähriger Mitgestalter der EUROSOLAR-Konferenzreihe „Der Landwirt als Energie und Rohstoffwirt“ mit dem Beitrag: Aufforstung als CO2 Senke? und Wolf von Fabeck mit dem Thema: Zur Rolle der Wälder im Klimaschutz.

Man erinnere sich: Die Einführung von Ausschreibungen für PV- und Windenergiegroßprojekten wurde mit der Chance zur Kostenreduktion begründet. Heute belegen Studien, dass es für diese Annahme keine Begründung gibt. Trotzdem wird bei der Novellierung des EEG versucht, auch größere PV-Dachanlagen in Ausschreibungsverfahren einzubeziehen, obwohl die Vorteile nicht belegbar und die Nachteile als Einschränkung der regionalen Investitions- und Akteursvielfalt offensichtlich sind.

Die Akzeptanz für PV-Großanlagen schwindet wegen des Flächenverbrauchs und einseitiger Eigentümerstruktur – auch das war zu erwarten. Solange das enorme Potenzial der Sonnennutzung in den Städten „Die Stadt als Sonnenkraftwerk“ nur minimal ausgeschöpft wird, sollten sich fördernde politische Rahmenbedingungen hierauf konzentrieren. Ausbau von Mieterstrom mit Speicherung, Solarpflicht für öffentliche Gebäude. PV auf Parkhäusern, Bau- und Supermärkten sind dazu die Stichworte und mit etwas Fantasie lässt sich diese Liste fortsetzen, gerade unter Einbeziehung des Fassadenpotenzials mit neuen Techniken. Eine Studie von EUROSOLAR hat schon früh mit dem Projekt A7 auf die Ausweitungsmöglichkeiten für PV und Windenergienutzung an Autobahnen hingewiesen ebenso auf die heute wieder erhobene Forderung schwimmende Anlagen zu berücksichtigen (s. S. 68). Praxisbeispiele werden seit 1994 jährlich von EUROSOLAR mit dem Deutschen und Europäischen Solarpreis ausgezeichnet. Projekte dokumentieren dabei in mehreren Kategorien das umfangreiche Bürgerengagement der Energiewende. Wir gratulieren allen Preisträgern sehr herzlich!

Der Energiekonzern E.on wird in diesem Jahr 20 Jahre alt. Dazu heißt es in einer Pressemeldung: Nach den grundlegenden Umbrüchen in der Energiewirtschaft der letzten Jahrzehnte konzentriere sich E.on nach dem erfolgreichen Abschluss der innogy-Übernahme heute voll auf die Netzinfrastruktur. Mit über 1,5 Millionen Netzkilometern sei E.on der größte Verteilnetzbetreiber in Europa und damit zur entscheidenden Lebensader der grünen Energiewende auf dem Kontinent geworden und mit 50 Millionen Kunden aktiver Treiber der Bewältigung des Klimawandels. Bei diesen Strukturen muss eine fortschreitende dezentrale politische Autonomie mit technischer Autarkie durch Speicher der „Prosumer“ als Bedrohung empfunden werden. Wenn Einfluss und politischer Lenkungsrahmen schwinden, haben Lobbyisten schlechte Karten. Sie werden weiterhin ihren Einfluss geltend machen, um die Kostenbilanz „ihres Systems“ zu sichern. Passend dazu deckt Franz Alt in seiner Kolumne die hilflose Doppelstrategie der alten Energiekonzerne auf (s. S. 64).

Wie wenig hilfreich die Propagierung von „Masterplänen“ sein kann, hat sich in der Diskussion um die Energiewende häufig gezeigt. Das Festhalten an überkommenen Strukturen sicherte einseitige Interessen. Heute stellt sich diese Frage in der Diskussion um eine globale Wasserstoffstrategie erneut. Das gilt sowohl für die „nationale Wasserstoffstrategie“ in Deutschland als auch für die „Wasserstoffstrategie der EU“. Wasserstoff ist keine Primärenergiequelle wie die Sonne und der Wind. Er muss kostenträchtig mit EE erzeugt werden. Wenn über seinen Einsatz CO2 eingespart werden soll, dann muss er regional – und das sei zu betonen – aus EE-Überschussstrom erzeugt und bei regionalen Großverbräuchen eingesetzt werden. Diese direkte Umwandlung als Einsatz von Überschussstrom (Sektorenkopplung) macht außerdem einen unnötigen Übertragungsnetzausbauüberflüssig. Nur so macht diese teure Technologie Sinn. Ulf Bossel listet dazu in seinem Beitrag „Abscheidung möglich, aber wohin mit dem CO2?“ die wichtigsten Problemfragen auf.

Dem gegenüber steht die Erwartung an eine „Globale Wasserstoffwirtschaft“. Diese Wasserstoffstrategie umfasst ein planbares Energiesystem der Zukunft, das regelbare, nachhaltige und kostengünstige Energie für Haushalte, Mobilität und Industrie liefern soll. Ein System nach altem Muster mit Versorgern und Versorgten: Lieferketten aus OPEC-Staaten, Golfländern und Nordafrika und Konzernen als ihre Träger. Der Handel mit Wasserstoff in diesen Strukturen heißt: Monopole mit internationalen Leitungssystemen und entsprechenden Kosten sowie geringen politischen Einflussmöglichkeiten in den Ländern. Wenn ein Wasserstoffhandel auf der Basis EE so gefordert wird, fallen diese Konzepte – gerade auch in den Lieferländern – hinter die so wichtige Erkenntnis zurück, dass EE ihr Potenzial nur dann effizient und kostengünstig ausspielen können, wenn die Techniken ihrer Nutzung mit vielen Trägern und Investoren dezentral mit regionalen Wertschöpfungsketten eingesetzt werden. Das belegen die Berichte der IRENA anschaulich.

 

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  • Editorial 2 - 2020

    „Politische Konzepte zur Mobilisierung EE müssen (deshalb) die volkswirtschaftlichen Vorteile in einzelwirtschaftliche Anreize übersetzen. Diese Vorteile – und damit die eigenen volkswirtschaftlichen Spielräume für einen Energiewechsel – gehen aber verloren, wenn EE aus anderen Ländern importiert würden, wo sie kostengünstiger produziert werden könnten.Volks- und regionalwirtschaftliche statt isolierter betriebswirtschaftlicher Kalkulationen müssen deshalb der Maßstab für Transformationsstrategien sein.“

    Hermann Scheer (1944 – 2010)

  • Interview mit Uwe Leprich

    Interview erschienen im Solarzeitalter 2 - 2020

    Seit der Verabschiedung des Erneuerbare- Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000 wird dieses als Fördergesetz Erneuerbarer Energien im Rahmen von Novellierungen angepasst. Das ist notwendig und richtig so, allerdings haben wechselnde Regierungen und politische Einflussnahmen das Ursprungsgesetz bürokratisch überfrachtet und seine Wirksamkeit zur Einführung EE ins Gegenteil verkehrt.

  • Energiewende am Wendepunkt? Die EEG-Novelle 2021

    Beitrag von Nina Scheer, MdB, erschienen im Solarzeitalter 2 - 2020

    Mit der unter Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier entstandenen Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes wird die Energiewende an einen Wendepunkt gestellt: Geht der Gesetzentwurf in seiner vom Bundeskabinett verabschiedeten Form durch, wird ab 2021 der schleichende Ausstieg aus der Energiewende eingeleitet. (Ab) 2021 wird dann mehr installierte Leistung verloren gehen, als ausgebaut wird. In diesem Sinne bedarf es umfangreicher Änderungen, für die sich die SPD Fraktion im Parlamentarischen Verfahren einsetzt.

  • CCS - Carbon Capture and Storage: Aber wohin mit dem CO2?

    Artikel von Ulf Bossel, gekürzt erschienen im Solarzeitalter 2 - 2020

    Mit den drei Buchstaben CCS soll die Energiewelt verändert werden [1, 2, 3, 4]. „Carbon Capture and Storage“ beherrscht die Diskussion zur zukünftigen Stromversorgung mit Kohle. Würde das bei der Kohleverbrennung entstehende Kohlendioxid vom Rauchgas getrennt und entsorgt, würde Kohle zu einem sauberen Energieträger – so das Wunschdenken. Von „clean coal“ ist die Rede, von der Nachrüstung aller Kohlekraftwerke mit CO2-Abscheidern, vom sauberen Kohlestrom für die nächsten Generationen und, wie sollte es anders sein, von riesigen Investitionen in eine "nachhaltige" Zukunft.

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