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Was kostet der Himmel?

Artikel von Prof. Peter Droege, erschienen im Solarzeitalter 04/2017

Erneuerbare Energien, Naturschutz und die Bewahrung biologischer Existenz sind untrennbar miteinander verbunden

Zum Beginn des 30. Geburtsjahrs EUROSOLARs ist es angebracht, sich gewisser Prozesse zu besinnen, die wir gewöhnlich mit dem Ablaufen von „Zeit“ umschreiben, die auch unseren eigenen Entscheidungen und Nichtentscheidungen unterliegen.

Der zeitliche Wandel ist in unserer Atmosphäre, deren chemische Zusammensetzung sich durch die stetigen Zuflüsse fossiler und landwirtschaftlicher Abgase stetig verändert sowie dem damit einhergehenden Ansteigen der globalen Temperaturen und weiterer Veränderungen, in der Tat nur allzu gut abzulesen.

Als EUROSOLAR 1988 gegründet wurde, lag die Kohlenstoffdioxid-Konzentration der Atmosphäre bei etwa den 350 Teilen pro Million (parts per million – ppm), die heute viele Experten als den maximalen Wert ansehen. Und als Hermann Scheer geboren wurde, lag dieser existenzielle Wert bei schätzungsweise 300 ppm – also noch wenig über den magisch-stabilen 280 ppm – einem Wert, der unter anderem für das Entstehen der heutigen Menschheit entscheidend war.Damals befand sich die jährliche Wachstumsrate der Konzentration noch bedeutend unter 1 %, in den letzten beiden Jahren jedoch bei 3 % – also mit exponentiellem Anstieg.

Dies führt uns zur unbequemen Wahrheit, die auch von Al Gore nicht ausgesprochen wird. Obwohl in der internationalen Klimadebatte von weiterhin tolerierbaren Temperatur-und Konzentrationsanstiegsspannen gesprochen wird, entfernt sich das irdische Klimasystem bereits seit einer Generation immer weiter weg von stabilen Werten. So reizvoll die Idee auch sein mag, durch CO2-Steuer oder Emissionshandel allein den „Karbongehalt“ der Weltwirtschaft zurückzudrängen: dazu ist es zu spät – wenn es denn jemals wirklich effektiv war. Nur eine schnelle und echte Wende und unbeirrbarer Fokus auf den Ersatz fossiler Energien durch Sonne, Wind und Wasser-Energien kann dies bewirken. Derselbe Deal-Maker Al Gore hat 1997 den CO2-Preis bzw. Emissionshandel als Schummellösung eingeführt, hervor geholt aus der Schublade des erfolgreichen „cap and trade“ (Deckel-und-Handel)-Verfahrens mit Schwefeldioxid und Stickstoffemissionen der 1970er, 80er und 90er Jahre, im Kampf gegen sauren Regen und das Ozonloch.

Um Konfrontationen mit überlieferten Energie- und Ressourcenindustrien zu vermeiden und die Teilnahme der Vereinigten Staaten an den damaligen Kyoto-Verhandlungen zu ermöglichen, wurde die globale Aufmerksamkeit auf die mit lokalen SO2 und NOX Emissionen nicht vergleichbaren globalen Klimaabgase gelenkt – weg von eigentlichen Ursachen des konventionellen Energiesystems und hin zu Bereichen, in denen es sich leichter handeln und verhandeln, ausgleichen, aufschieben ließ. 1997 lagen die CO2-Konzentrationen bereits zu hoch bei 364 ppm: die Fantasie eines 450-ppm-„Deckels“ wurde später in die Welt gesetzt, um den Abgasmarkt zu ermöglichen. Somit wurde die Verantwortung permanent abgewälzt – abstrakt und losgelöst von konkreten soziotechnischen Mechanismen der fossil-atomaren Wirtschaft – und der dünger- und glyphosatgetränkten Naturverwüstung unserer industriellen Landwirtschaft.

Weshalb gerade heute die CO2-Bepreisung wieder als Ersatz für effektive Mechanismen wie das EEG aus der Versenkung der frühen Klimaverhandlungsjahre geholt wird, hat mit der menschlichen Begabung zur Verdrängung scheinbar ferner Bedrohung zu tun. Denn wenn es um die letzte Chance eines Auswegs aus der Klimabedrohung geht, kann uns CO2-Bepreisung nicht viel helfen. Im Gegenteil: Sie führt in die Irre, lenkt ab von der physikalischen Tatsache, dass es sich schlecht handeln oder sinnvoll besteuern lässt, wenn jede weitere Tonne CO2-Ausstoß bereits viel zuviel ist. Das Maß ist übervoll und muss schon lange abgebaut werden – nämlich von heute fast 410 ppm zurück in Richtung der 280 ppm, von denen wir wissen, dass dieser Wert mit Klimastabilität einherging. Um dem Markt eine Chance zu geben, gilt es, die Billionenblase an fossilen und atomaren Subventionen abzubauen und zumindest die Förderung der Nicht-Erneuerbaren massiv am Bohrloch und Tagebau zu besteuern, bevor diese „Naturschätze“ sich an die Welt-, Binnen- und Aktienmärkte drängen. Die volle Konzentration auf deren Ersetzen und die gleichzeitige Re-Generation unserer Landwirtschaft und Küche, Feuchtgebiete, Wälder und Seen sind nun als Notfallprogramme nötig. Dies sind alles Dinge, die unter dem Strich nichts kosten, sondern echte Werte schaffen.

Daher sind scheinbar winzige, aber ungeheuer wichtige Schritte der Zivilcourage so essenziell wie der Versuch, die noch lebenden Reste des 12.000 Jahre alten Hambacher Forsts vor der endgültigen Zerstörung durch Erweiterung des Braunkohlentagebaus zu retten. Dies ist nicht nur symbolisch wichtig, denn auch alte Wälder haben eine starke Kohlenstoffdioxidspeicherkapazität in ihren Böden und Feuchtbereichen. Das zeigt, wie lange es dauert, diese Systeme aufzubauen, wie günstig es ist, sie am Leben zu erhalten, und wie leicht, sie unwiederbringlich zu vernichten. Dass manche zum nicht-bewohnbaren Mars eilen wollen, wo wir doch schon dabei sind, die Erde selbst unbewohnbar zu machen, ist eine der tragikomischen Kauzigkeiten unserer technomanischen „Zivilisation“.

Warum soll sich EUROSOLAR hierum kümmern? Denn wir stehen ja für die richtige Politik und das passende Instrumentarium, Sonne, Wind, Wasserund Bioenergie zu nutzen und 100%ig einzusetzen. Das ist richtig, aber EUROSOLAR hat das nie als Selbstzweck gesehen, sondern als Mittel, eine ethisch existenzielle Grundlage und Sicherheit für unsere demokratische Gesellschaft zu schaffen, im Scheerschen Sinn. Dieses Ziel ist nicht ohne das schnelle Ende der Nutzung fossiler Energien bei gleichzeitigem Schutz der bestehenden und rapidem Ausbau neuer, gesunder Ökosysteme und Klimalandschaften zu erreichen. Neben vielen anderen sind dies Möglichkeiten, die Zukunft unserer Wirtschaft nicht nur klimaneutral, sondern klimanegativ, also bezüglich der Atmosphäre CO2-reduzierend zu gestalten.

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