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Editorial 04-2017

Editorial von Irm Scheer-Pontenagel, erschienen im Solarzeitalter 04/2017

„Tatsächlich liegt in der allein mit erneuerbaren Energien möglichen Energiebereitstellung ohne Netze bzw. mit kleinräumigen Netzen die größte Chance, die Energieketten zu sprengen und die wirtschaftlichen Strukturen zu revolutionieren.“
Hermann Scheer (1944 – 2010)

 Die Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican) ist mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden und hier Anlass, auf dieses Ereignis in besonderer Form hinzuweisen. In Zeiten, in denen die Atomwaffenstaaten ihre Arsenale modernisieren, haben 122 Staaten im Juli 2017 ein verbindliches Verbot von Atomwaffen in der UNO beschlossen. Die neun Kernwaffenstaaten waren nicht dabei, ebenso nicht Deutschland. Es muss die Frage erlaubt sein, wann werden endlich alle Atomwaffen von Deutschem Boden entfernt? Die Herrschaft des Atom-Syndroms nannte Hermann Scheer die Verknüpfung von atomarer Bewaffnung und der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomenergie. Wer Atombomben hat oder haben will, werde auch über Atomkraftwerke verfügen. Die Atomtechnik sei in allen Atomwaffenstaaten eine „Double-Use-Technik“ und es werde eine „Renaissance der Atomenergie“ geben, solange es die Atomrüstung gebe. Unter der Rubrik „Wieder gelesen“ veröffentlichen wir Auszüge aus dem Buch von Hermann Scheer „Die Befreiung von der Bombe“. Atomwaffen seien nicht allein Mittel der Abschreckung, sie seien unverträglich mit jeder stabilen Friedenspolitik, menschlichem Gemeinschaftssinn und mit jeder Zivilisationsmoral. Unverträglich mit politischen Verfassungen, mit der Zukunft der Demokratie und mit loyalen Staatenbündnissen, unverträglich mit den wirtschaftlichen Anforderungen für unsere Daseinsbewältigung und unverträglich mit der Zukunft der Deutschen, Europas und der Atommächte selber.

Die Fixierung der Weltklimakonferenzen darauf, Forderungen und Ziele vorrangig an CO2-Emissionen zu bemessen, ignoriert das umfassende Spektrum weiterer Emissionen des atomar-fossilen Energiesystems wie Feinstaub der Erdölverbrennung im Verkehr, der uns die Luft zum Atmen nimmt oder der uns Jahrtausende belastende Atommüll. Der Gedanke, die Energiewende sei eine „Last“ mit hohen Kosten und Verlusten von Arbeitsplätzen in der fossilen Energiewirtschaft, wird in sein Gegenteil gewendet, wenn die praktizierte Allianz zwischen Ökologie und Ökonomie durch die Nutzung der Erneuerbaren Energien (EE) von immer mehr Ländern nachvollzogen und dezentral verwirklicht werden wird. EUROSOLAR würdigt seit 1994 mit feierlichen Preisverleihungen – auf deutscher Ebene in diesem Jahr in Wuppertal und auf europäischer Ebene 2017 in Wien – das anhaltende Engagement in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und von aktiven Persönlichkeiten für vorwärtsweisende Lösungen hin zu 100 Prozent Erneuerbare Energien.

Das deutsche Erneuerbare Energie Gesetz (EEG) hat die Technik zur Nutzung der Sonnenenergie erst ermöglicht und für die Welt wirtschaftlich gemacht – eine „Entwicklungshilfe“ wie sie wohl bisher kaum denkbar war. Die Wichtigkeit dieser Vorreiterrolle für die Welt kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das EEG war Vorbild für politische Initiativen vieler Länder. Seitdem die Energiewende beweist, dass globale Forderungen und Ziele nur dezentral über den Einsatz von EE eingelöst werden können und dies in dem Maße ungleich ausfällt, wie politische Entscheidungsträger sich von hemmenden Einflussnahmen befreien, können solche Events auch demotivierend auf diejenigen wirken, die als Träger der Energiewende vor Ort gefordert sind. Wenn Deutschland auf gut 38% Ökostrom aus EE (Fraunhofer ISE, 27.11.2017) verweisen kann, dann hat das mehr mit den ökonomischen und ökologischen Vorteilen der EE und mit lokalen Akteuren zu tun als mit Klimakonferenzen. Sehr zu begrüßen ist das Ergebnis der Bonner Konferenz, die Länder, die schon heute überproportional unter den nicht von ihnen verursachten Klimafolgen leiden, über einen Fonds bei Anpassungsmaßnahmen zu unterstützen. Es wird allerdings zu kontrollieren sein, das die Geber-Länder die zugesagten Finanzhilfen tatsächlich einlösen.

Auf WELTKONFERENZEN muss der ENERGIESYSTEMWECHSEL als Leitforderung für das Gelingen einer neuen Klimapolitik, für den Ausstieg aus der Atomkraft und für die Entsorgung des Atommülls, für das Ende des Kohlestroms sowie für die Abkehr vom Erdölverbrauch im Verkehr und in der chemischen Industrie begriffen und umgesetzt werden.

Was in Deutschland geschehen muss, ist in den „Energiepolitischen Handlungsempfehlungen für die 19. Legislaturperiode“ von EUROSOLAR formuliert (Seite xx): „Es ist höchste Zeit, die Energiewende in Deutschland und damit auch die technologische und industrielle Vorreiterrolle aktiv und dynamisch zu entwickeln und durch die rasche Umstellung auf regenerative Quellen in den Bereichen Strom, Wärme und Verkehr die grundlegende Bedingung für eine nachhaltige Wirtschaftsweise herzustellen. Jedes weitere Zögern, jeder Winkelzug zum Schutz überkommener Strukturen beschädigt und verkompliziert den notwendigen Strukturwandel, macht ihn teurer und enttäuscht die Menschen.“ Diese Empfehlungen richten sich an die neue Bundesregierung und werden von EUROSOLAR nahestehenden Parlamentariern in Deutschland und in der EU eingefordert werden.

Nach jahrelanger Beratung wurde auch für den Emissionshandel eine vorläufige Regelung geschaffen (Seite xx). Die bisherigen Ergebnisse sind mehr als enttäuschend. Das bedeutet für die Bürokratie in Brüssel und Deutschland aber keineswegs, auf dieses untaugliche Instrument zu verzichten. Es bleibt bei der freien Vergabe von Zertifikaten als Emissionsrecht. Ein Recht auf Verschmutzung darf es nicht geben, nur die Pflicht einer Gesellschaft und ihrer Regierung, Verschmutzungen durch geeignete Mittel zu verhindern.

Ewig Gestrige betonen erneut, der Emissionshandel sei effektiver als die Belastungen durch Vergütungssätze des EEG. Bei Beschränkung der Zertifikate im Emissionshandel sei diese „Subvention“ des EEG überflüssig. CO2-Belastungen mit Klimafolgen hielten sich nicht an Ländergrenzen. Es sei egal, wo Verschmutzungen durch den Einsatz von EE verhindert werden, es käme nur darauf an, Investitionen dort zum Einsatz zu bringen, wo das eingesetzte Geld die größte Wirkung habe. Dass Luftverschmutzung, Klimafragen und Ländergrenzen in einem anderen Verhältnis stehen als diese schlichte Logik es vermitteln will, wird besonders dort sichtbar, wo Menschen an Industriestandorten und in Smok-belasteten Innenstädten leben. Den Bürger*innen in der belasteten Stuttgarter Innenstadt und deren Gesundheit nützt es wenig, wenn RWE ein Solarkraftwerk in Marokko baut. Das ist gut für die dortige Bevölkerung, soweit sie von dem produzierten Strom profitieren kann. Stuttgart braucht ein Regionalkonzept mit EE, um die Verkehrssituation vor Ort in den Griff zu bekommen. Das ist die Realität vieler Großstädte, der sich die Politik mit regional angepassten Konzepten stellen muss.

Zum Zauberwort Effizienz: Es wird in zweierlei Form verwendet. Zum einen als der kostengünstigste Einsatz des Geldes: Ein Investor hat mit seiner Investition vor Ort nicht nur die eindimensionale Effizienz seines Geldes oder Anlage im Blick, sondern orientiert sich an regionalwirtschaftlichen Kreisläufen wie Stärkung der lokalen Wirtschaft und Sicherung von Arbeitsplätzen; damit agiert er nicht nur im privaten, sondern auch im gesamtgesellschaftlichen Interesse. Großkonzerne setzen dagegen andere Prioritäten. Projekte von Großkonzernen sind rein betriebswirtschaftlich konzipiert und nicht gesamtwirtschaftlich. Sie reduzieren die Zahl der Akteure für EE, statt sie zu vergrößern. Zum anderen wird Effizienz als Standortvorteil – Sonne im Süden, Wind aus dem Norden verwendet. Das Modell „Desertec“ wurde erfunden und gepriesen – es scheiterte an bekannten Problemen (Leitungskosten, unsichere politische Situationen der beteiligten Länder usw.). Es scheint jedoch nur eine Frage der Zeit zu sein, wann dieses Modell wieder aus den Schubladen geholt wird, falls es bei genügend starkem „Lobbydruck“ politisch gewollt ist. Denn das Supergrid-Konzept – „Gleichstrom-Highways“ für Europa, die sogenannte Kupferplatte – hat für ihre Betreiber noch nicht an Reiz verloren. Energie aus Sonne und Wind ist überall auf der Welt erzeugbar, somit ist die Stromproduktion immer dann am effizientesten, wenn Produktion und Verbrauch so nah wie möglich beieinander liegen.

Michael Wübbels beschreibt in seinem Beitrag „Mehr Systemverantwortung für Verteilnetzbetreiber“ (Seite xx) die Konfliktfelder und bietet Lösungsansätze. Die mit der Energiewende verbundene Dezentralisierung der Erzeugung könne dauerhaft auch nur dezentral gemanagt werden. Dabei entwickeln sich Verteilnetzbetreiber zu „Systemmanagern“. In Regionen mit hoher EE-Einspeisung nehmen sie diese Rolle bereits heute aktiv und erfolgreich wahr.

Noch in einer weiteren Form tritt die Forderung nach „Effizienz“ auf: Bei 100% EE wird die Effizienz keine Rolle mehr spielen, betonen Fachleute, und sie haben recht. Denn Einsparoptionen können nur im Rahmen des Verbrauchs fossiler Energien sinnvoll sein. Um so erstaunlicher ist es, dass diese Forderung „Efficiency first“ nicht nur in den Programmen der EU-Energieunion, sondern auch im deutschen Forderungskatalog an prominenter Stelle zu finden ist. Hier wird deutlich, dass sowohl die EU-Bürokratie als auch die Regierungsverantwortlichen in Deutschland neben der Energiewirtschaft in dieser Frage von einem noch langen Zeitraum ausgehen. Zu befürchten ist, dass Deckeln und Abregeln der EE in Deutschland im Zusammenspiel mit diesem „Signal“ im Konzept der EU-Energieunion gesehen werden muss, um den Systemwandel mit EE so weit wie möglich zu verzögern. Die vorausschauende Forderung von Hermann Scheer nach „ultimativer Beschleunigung“ des Energiesystemwechsels ist bei dieser Realpolitik eine besondere Mahnung.

Die Praxis der Energiewende in Deutschland macht weitere Fortschritte. Tim Meyer beschreibt den Mieterstrom in unterschiedlichen Wohnumgebungen, Matthias Hüttmann informiert über den Durchbruch für Strom vom Balkon und Johannes Lackmann befasst sich mit den Ressourcen für eine E-Mobilität zu 100% aus Erneuerbaren Energien.

Ein aktueller Bericht von Christoph Trimborn zum 4. IRES-Symposium am 20. November in Berlin und der Ausblick auf das Programm der 12. IRES-Konferenz vom 13. bis 15. März 2018 in Düsseldorf informieren über Themen zur Speicherung Erneuerbarer Energien. Die dort stattfindende produktive Verknüpfung von wissenschaftlicher Forschung mit der Debatte um geeignetere politische Rahmenbedingungen sowie den Perspektiven für Unternehmen wird diese Konferenz in Verbindung mit der Messe erneut für drei Tage zum Magneten für die gesamte Energiespeicherbranche machen. Franz Alt argumentiert in seiner Kolumne engagiert für den Vorrang der Erneuerbaren Energien.

Allen Leserinnen und Lesern eine anregende Lektüre, erholsame Feiertage sowie alles Gute für 2018.

 Das vollständige Editorial finden Sie auch hier als PDF-Dokument.

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