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Mieterstrom in der Praxis – vom kleinen Mehrparteienhaus bis zum Quartier

Artikel von Dr. Tim Meyer, erschienen im Solarzeitalter 04/2017

Im Juli trat das Mieterstromgesetz in Kraft. Auf ihm ruhen große Hoffnungen: 3,8 Mio. Haushalte, so eine Potenzialstudie des BMWi, können im Rahmen von Mieterstromprojekten an der Energiewende teilhaben. Zudem soll Mieterstrom den Solarzubau wieder ankurbeln, der sehr wahrscheinlich auch 2017 wieder hinter dem ohnehin schon ambitionslosen EEG-Ausbaupfad zurückbleiben wird.

Insbesondere für die Energiewende in den Innenstädten sollen Mieterstrom-Projekte neue Impulse setzen. Wie das gelingen kann, zeigt die Naturstrom AG. Mehr als 20 Projekte hat Naturstrom mit und ohne Mieterstrom-Zuschlag realisiert – und dabei auf Vielfalt gesetzt. Eine Auswahl von drei aktuellen Projekten zeigt, wie Mieterstrom in unterschiedlichen Konstellationen verwirklicht werden kann.

Mieterstrom im Mehr-Generationen-Haus

In Hattingen am Südrand des Ruhrgebiets hat Naturstrom die Mieterstromversorgung für ein Mehr-Generationen-Haus mit 14 Wohneinheiten verwirklicht. Die Immobilie wurde von der Hattinger Wohnungsgenossenschaft hwg eG für den Verein WiWoZu, kurz für „Wir wohnen zusammen“, errichtet.

Nach dem Baubeginn im Jahr 2009 konnten 2011 die letzten Mieterinnen und Mieter ihre Wohnungen beziehen. Der WiWoZu e.V. hat alle Wohneinheiten in dem Gebäude angemietet und vermietet sie an seine Mitglieder weiter. Das Dach allerdings ist nicht Gegenstand des Rahmenmietvertrags – weshalb das Mieterstromprojekt nur in enger Abstimmung der drei Partner Naturstrom, hwg und WiWoZu realisiert werden konnte. Denn als Verpächterin des Daches war die hwg zentrale Ansprechpartnerin für die Planung der Photovoltaikanlage.

Die Photovoltaikanlage, die Naturstrom durch ein Partnerunternehmen im Sommer 2017 hat installieren lassen, wird mit einer Leistung von 17 kWp voraussichtlich rund 16.000 kWh Sonnenstrom pro Jahr erzeugen. Rund 70 Prozent dieser Menge können direkt von den Mieterinnen und Mietern verbraucht werden. Solarstrom, der an sonnigen Mittagen nicht im Haus verbraucht werden kann, wird in das öffentliche Netz eingespeist. Direkt mit Beginn der Zusammenarbeit waren alle 14 Haushalte im Gebäude in den Mieterstromtarif gewechselt – eine ungewöhnlich hohe Beteiligungsquote, die der ökologisch-sozialen Grundausrichtung der WiWoZu-Mitglieder zu verdanken ist. Der Mieterstrom-Mix besteht in Hattingen zu rund 25 Prozent aus hausgemachtem Solarstrom und zu 75 Prozent aus Ökostrom aus dem Netz. Naturstrom fungiert in dem Projekt als Vollversorger, der sich um die Strombelieferung, Abrechnung und alle energiewirtschaftlichen Prozesse kümmert, sowie als Betreiber der Photovoltaikanlage.

Die Mieterstrombelieferung komplettiert die ökologische Energieversorgung des WiWoZu-Gebäudes: Das Warmwasser wird in dem Mehrfamilienhaus über eine Solarthermie-Anlage erzeugt und auch die Raumwärme wird ökologisch produziert – mithilfe einer mit Ökostrom betriebenen Wärmepumpe.

Sonnenstrom von nebenan

Im Münchener Stadtteil Schwabing wächst seit 2013 auf dem 24,3 Hektar großen Gelände der ehemaligen Funkkaserne ein neues Stadtquartier: der Domagkpark. Das Quartier wird von verschiedenen Akteuren bebaut – etwa 1.600 Wohnungen, ein Park sowie soziale Einrichtungen sind auf dem Gelände entstanden und bilden zusammen ein hochwertiges urbanes Wohnumfeld.

Für vier Gebäude im Domagkpark realisiert Naturstrom gemeinsam mit der örtlichen Bürgerenergiegenossenschaft BENG eG eine Versorgung mit Mieterstrom. Ab Februar 2018 können voraussichtlich die ersten Wohnungen bezogen werden.

Die Haushalte in den vier Gebäuden werden aus zwei Photovoltaikanlagen beliefert. Die Anlagen verfügen über eine Leistung von 23 und 28 kWp, zusammen produzieren sie voraussichtlich ca. 52.000 kWh Sonnenstrom pro Jahr. Rund 73 Prozent davon können direkt in den vier Häusern mit ihren insgesamt 63 Wohneinheiten verbraucht werden.

Betreiber der Anlagen ist die Bürgerenergiegenossenschaft BENG, von der auch die Initiative zu dem Mieterstromprojekt ausging. Die produzierten Strommengen verkauft die BENG an Naturstrom. Naturstrom wiederum kümmert sich als Vollversorger um eine durchgängige Belieferung der Mieter mit Solarstrom und Ökostrom aus dem Netz. Sonnenstrom, der nicht direkt vor Ort genutzt werden kann, speisen die Anlagen ins öffentliche Stromnetz ein. Die BENG erhält für diese Mengen ganz klassisch die EEG-Vergütung.

Eine hervorstechende Eigenschaft des Projektes: Die Bewohnerinnen und Bewohner in allen vier Gebäuden können Mieterstrom beziehen– obwohl nur auf zwei Dächern Solaranlagen installiert sind. Diese Konstellation ist bislang äußerst selten, da eine EEG-konforme Umsetzung – ohne die es keinen Anspruch den Mieterstromzuschlag gibt – nicht bei allen Quartieren möglich ist und zudem Anforderungen an die elektrotechnische Installation stellt.

Maßgeblich ist nach Paragraf 21 Abs. 3 EEG 2017, dass der Mieterstrom „ohne Durchleitung durch ein [öffentliches] Netz“ von einem Haushalts- oder Gewerbekunden innerhalb des Gebäudes oder in Wohngebäuden oder Nebenanlagen „im unmittelbaren räumlichen Zusammenhang“ mit diesem Gebäude verbraucht wird. Um dies zu ermöglichen, wurden die Gebäude durch Stromleitungen miteinander verbunden und somit ein alle vier Baukörper umfassendes Hausnetz geschaffen. An der Außengrenze dieses Hausnetzes bildet der sogenannte Summenzähler die Schnittstelle zum öffentlichen Stromnetz. Durch diese Konstruktion stellt Naturstrom sicher, dass Mieter in allen Häusern ohne Durchleitung durchs öffentliche Netz physikalisch mit Mieterstrom beliefert und korrekt abgerechnet werden können. Da Naturstrom neben dem Summenzähler auch die Zähler der jeweiligen Wohneinheiten betreibt, wird das gesamte Mess- und Zählerwesen in einer Hand gebündelt.

Ein besonderes Plus im Domagkpark: Interessierte aus den vier Häusern können sich in Schritten von je 1.000 Euro an den Photovoltaikanlagen beteiligen. 900 Euro werden als Nachrangdarlehen verzinst, mit den restlichen 100 Euro werden die Investoren Mitglieder der BENG eG und erhalten einen Geschäftsanteil.

Sektorkopplung im Quartier

Als Partner der Möckernkiez Genossenschaft für selbstverwaltetes, soziales und ökologisches Wohnen eG verwirklicht Naturstrom in Berlin-Kreuzberg die Mieterstrombelieferung im Rahmen eines umfassenden Quartierskonzepts, welches neben der Strom- auch die nachhaltige Wärmeversorgung sowie Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge umfasst.

Auf einem 30.000 Quadratmeter großen Areal entstehen 14 Wohngebäude im Passivhausstandard mit rund 470 Wohnungen, 20 Gewerbeeinheiten, 98 Tiefgaragen-Stellplätzen und Raum für soziale Versorgungseinrichtungen. Ab dem Frühjahr 2018 sollen die Mieter sukzessive in die Häuser einziehen und vom Start weg mit Mieterstrom und ökologisch produzierter Nahwärme versorgt werden.

Der Wärmebedarf des Areals wird klimafreundlich in einem mit hundertprozentigem Biogas betriebenen BHKW und einem Gas-Spitzenlastkessel gedeckt. Das BHKW verfügt über eine elektrische Leistung von 140 kWel und eine thermische Leistung von 207 kWth, der Spitzenlastkessel hat eine Leistung von 900 kWth.

Der Strombedarf der Haushalte und Gewerbe im Möckernkiez liegt voraussichtlich bei rund 1,3 Mio. kWh. Ein erheblicher Teil hiervon wird auf dem Gelände erzeugt. Zum einen durch das BHKW, welches neben der Wärme Strom quasi als Nebenprodukt liefert. Und zum anderen durch Photovoltaikanlagen auf fünf Hausdächern. Zwei der in Südausrichtung geplanten Photovoltaikanlagen werden über eine installierte Leistung von jeweils 43 kWp verfügen, die drei anderen Anlagen kommen auf 16 bis 20 kWp. Insgesamt installiert Naturstrom knapp 140 kWp auf den Dächern. Pro Jahr werden die Photovoltaikanlagen durchschnittlich einen Ertrag von insgesamt rund 124.000 kWh liefern. Um die 20 Prozent der Stromerzeugung aus dem BHKW sowie 70 Prozent des Solarstroms können direkt in den Hausnetzen verbraucht werden, überschüssige Mengen werden ins Berliner Verteilnetz eingespeist. Solar- und BHKW-Strom decken zusammen knapp 20 Prozent des Strombedarfs im Quartier. Die restlichen Mengen, die noch benötigt werden, liefert Naturstrom als Ökostrom aus dem öffentlichen Netz.

Der Strom aus den Erzeugungsanlagen im Möckernkiez wird immer nur im jeweiligen Gebäude verbraucht. Grund hierfür ist, dass das Quartier nicht über ein eigenes Arealnetz verfügt – hinter dem Hausanschluss beginnt also direkt das öffentliche Netz der Stadt Berlin. Dennoch bietet Naturstrom allen Mieterinnen und Mietern einen einheitlichen Tarif an. Schließlich sollen die Bewohner aus Häusern, auf denen keine Photovoltaikanlagen realisiert werden, nicht benachteiligt sein. Betrieben werden die Anlagen von Naturstrom.

Der Mieterstrom wird auch an mehrere Ladepunkte für Elektrofahrzeuge geliefert. Geplant sind derzeit zwei öffentlich zugängliche Ladesäulen mit einer Ladeleistung von 22 kW, die über je zwei Ladepunkte verfügen. Installiert werden die Säulen vor einem Biomarkt, der in eine der Gewerbeeinheiten des Möckernkiezes einziehen wird. In der Tiefgarage des Areals werden zudem zehn Elektroanschlüsse gelegt, so dass die gewerblichen Mieter hier selbst Lademöglichkeiten installieren können.

Mieterstrom mit vielen Möglichkeiten

Hattingen, München, Berlin – die drei vorgestellten Beispiele zeigen, wie sich Mieterstrom in den unterschiedlichsten Konstellationen umsetzen lässt. Sowohl, was die Aufgabenteilung unter den Projektpartnern anbelangt, als auch im Hinblick auf die Größenordnung der Projekte. Als Baustein in umfassenden Quartierslösungen ist Mieterstrom ebenso möglich wie als Einzelmaßnahme – von größeren Gebäudekomplexen bis hin zum kleinen Mehrparteienhaus.

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