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Weichenstellungen und Baustellen auf dem Weg zu einer Energieversorgung vollständig auf Basis Erneuerbarer Energien

Artikel von Martin Altrock, erschienen im Solarzeitalter 01/2018

Auf dem Weg zu 100 % Erneuerbaren Energien ist eine stetige Anpassung des regulatorischen Rahmens notwendig, der wirtschaftliche, politische und technische Entwicklungen antizipiert und der sich an einem ehrgeizigen Zeitplan (1.) orientiert. Die hierfür erforderlichen rechtlichen Weichenstellungen (2.) und die etlichen zu begehenden Baustellen (3.) bilden den Schwerpunkt dieses Beitrags.

Abschließend werden rückblickend die vier ordnungspolitischen Grundsätze von Hermann Scheer aus „Der Energethische Imperativ: 100 % jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist“ auf ihre Aktualität im Jahre 2018 überprüft (4.).

1) 100 % Erneuerbare Energien bis 2030/2040/2050? – ein Zwischenstand

Langfristig ist eine weitgehend treibhausgasneutrale Wirtschaft und Gesellschaft bis 2050 das erklärte Ziel der Bundesregierung (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Klimaschutzplan 2050 – Klimaschutzpolitische Grundsätze und Ziele der Bundesregierung, November 2016, S. 26 ff). Auf dem Weg dorthin müssen wir zunächst aber die Wende zu 100 % regenerativem Anteil im Stromsektor schaffen, also sicherstellen, dass der gesamte Stromverbrauch aus regenerativen Quellen gedeckt werden kann. Dass der gesamte CO2-Ausstoß in Deutschland bis 2050 um 80-95 % sinkt (Umweltbundesamt (UBA), Energieziel 2050: 100 % Strom aus erneuerbaren Quellen, Juli 2010, S. 4), ist ehrgeizig, aber realistisch. Ambitionierte Ziele sind aber schon deshalb weiterhin unentbehrlich, weil gesamtwirtschaftlich auf lange Sicht eine schnellere Energiewende wegen der geringeren Schäden aus der Erderwärmung auch eine billigere Energiewende ist.

2) Weichenstellungen: Erneuerbare-Energien-Strom oder „Efficiency First“?

Unter dem Prinzip „Efficiency First“ wird zunehmend politisch dafür gestritten, vorrangig die Steigerung der Energieeffizienz zu fördern. Richtig ist, dass mit allen gebotenen und sinnvollen Mitteln auf eine Steigerung der Effizienz bei der Verwendung von Energie hinzuwirken ist. Energie, die nicht verbraucht wird, muss nicht (regenerativ) erzeugt werden. Auch in Zeiten einer dominant regenerativen Energieversorgung bleibt Energie ein knappes Gut. Falsch wäre es allerdings – wie es die Formulierung suggeriert – die Förderung der Effizienz einem Aus- und Zubau von Kapazitäten aus erneuerbare Energien voran zu stellen. Denn unsicher ist schon, wie viel effizienter beispielsweise die deutsche und europäische Industrie, die auch aus ökonomischen Gründen seit Langem auf einen möglichst effizienten Energieeinsatz hinarbeitet, noch werden kann. Vor allem gibt es nach wie vor ganz erheblichen Zubaubedarf an Erneuerbaren Energien, der nicht durch einen ausschließlichen Fokus auf Effizienzmaßnahmen ausgebremst werden darf. Beim Zubau der Erzeugungskapazität in Wind- und Solaranlagen befinden wir uns gewissermaßen noch in der „1. Halbzeit des Spiels“ bis zur Zielerfüllung 2050. Diesen Zubau in eine Ruhephase zu versetzen, wie das EEG 2017 de facto tut, können wir uns wirtschaftlich schlicht nicht leisten. Erforderlich ist daher ein Nebeneinander von EE-Strom-Förderung und Steigerung der Energieeffizienz bestehender Anlagen und Versorgungssituationen.

Solar- oder Windenergie?

In der aktuellen politischen Diskussion überrascht die gelegentlich vertretene Überlegung, den Ausbau von Solarenergie in Deutschland nicht weiter zu fördern. Zubau solle nur noch stattfinden, wo es geographisch am günstigsten ist, also in den sonnenreicheren Regionen Südeuropas. Dahinter steckt auch der Grundgedanke einer sogenannten „europäischen Kupferplatte“, die keine Transportrestriktionen kennt (s.u.). Dieses Szenario geht – vereinfacht – von der in vielerlei Hinsicht nicht unproblematischen Idee aus, dass das gesamte europäische Stromnetz einen gigantischen elektrischen Leiter bilden werde, auf der ein nahezu verlust- und engpassfreier Stromtransport von A nach B gewährleistet sei. Zuvorderst ist dem zu entgegnen, dass es nach derzeitigem und absehbarem Stand des Netzausbaus kein europäisches Netz gibt, das dies leisten kann. Außerdem sind die Preise für den Ausbau von Solarenergie in Deutschland derzeit schlicht so günstig, dass sich Zubau insbesondere in Süddeutschland jedenfalls in der Eigenversorgung auch ohne Förderung lohnt und schon deshalb weiter voran gehen wird. Wir sollten uns nicht – wie zuweilen offenbar auch von der Europäischen Kommission angedacht – darauf beschränken, in Deutschland nur die Windenergie zu fördern. Es gilt weiterhin: Solar- und Windenergie.

Biomasse/Synthesegas gegen Erdgas?

Derzeit ist noch offen, wie schnell eine Abkehr von fossilem Erdgas möglich ist, weil genug Energie aus Synthesegas bzw. Power-to-Liquid, aber eben auch Biogas zur Verfügung steht, das fossiles Erdgas ersetzen kann. Synthesegas dürfte sich schon im Verlauf der Energiewende als zunehmend wichtiger Baustein der zeitlichen und räumlichen Verlagerung von Energie erweisen. Aktuell nicht verwendeter Strom kann so sektorenübergreifend im Wärme- wie im Verkehrssektor genutzt werden. Auch das Power-to-Liquid-Verfahren (Verfahren zur Erzeugung flüssiger Energieträger mithilfe von elektrischer Energie. Dies ist dann klimaneutral, wenn die für den Prozess verwendete Energie klimaneutral erzeugt wird) wird bereits zur Herstellung flüssiger Kraftstoffe genutzt und hat ein gewisses Potential zur klimaneutralen Kraftstofferzeugung. Zusätzlich sollten aber die bestehenden Strukturen zur Förderung von Biomasse erhalten bleiben. Wahrscheinlich ist aber, dass jedenfalls bis 2030/2035 fossiles Erdgas noch unverzichtbar bleibt.

Speicher oder Flexibilität oder Netzausbau?

Im politischen Diskurs steht auch die Frage, ob die – neben einem schnellen Netzausbau – Fortentwicklung eines Flexibilitätsmarktes oder die Förderung von Langzeitspeichertechnik Priorität haben sollte. Vor dem Hintergrund der „europäischen Kupferplatte“ gibt es Stimmen, die gar davon sprechen, dass es zukünftig kaum und auch erst relativ spät Bedarf an Speichern geben werde. Strom könne in allen Regionen Europas möglichst billig erzeugt werden, so dass er bei Überschussproduktion hindernisfrei verteilt und hier abgenommen werden könne. Immer wieder kommt es allerdings vor, dass Staaten ihren Strommarkt mehr oder weniger abschotten. Die Realisierung eines europaweit ausreichend ausgebauten Leiter- und Stromversorgungssystems ist daher noch nicht sicher absehbar. Auch durch Netzausbau lässt sich der Bedarf an Speichertechnik verringern. Er ist günstiger und das erste Mittel der Wahl, tangiert allerdings auch empfindlich Bürgerinteressen. Um den gesellschaftlichen Konsens beim Ausbau der Erneuerbaren Energien zu erhalten, sind Alternativen zum Netzausbau in Form von Speichern weiter zu fördern. Für eine bedarfsgerechtere Stromerzeugung sollte neben einem Flexibilitätsmarkt Speichertechnologien eine zunehmend wichtige Rolle bei der Integration der Erneuerbaren Energien spielen. Dabei ist der flächendeckende Einsatz von Speichertechnologien bereits jetzt durch geeignete Fördermaßnahmen, die eine Marktreife dieser Technologien ermöglichen, vorzubereiten (Vgl. dazu ausführlich Sterner/Altrock, Technologien und Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Sektorenkopplung, ZNER 2017, 235 ff).

Autarkie oder Importe?

Aus ökonomischer wie technischer Sicht werden Importe von Strom sowie voraussichtlich von regenerativem Synthesegas und von Biomasse unverzichtbar bleiben. Ein Szenario, in dem Deutschland ausschließlich auf eine autarke (regenerative) Strom-, und damit zukünftig Energieversorgung setzt, ist deshalb nicht wahrscheinlich. Eine europäische Lösung ist auch deshalb erstrebenswert, weil sie voraussichtlich wegen des höheren Anteils unmittelbarer Stromnutzung günstiger ist. Für die Fortentwicklung des europäischen Binnenmarktes im Energiesektor ist es jedoch nicht vorstellbar zu versuchen, unseren Nachbarstaaten unsere Art und Weise einer Energiewende „aufzuzwingen“. Der Grad einer Europäisierung der Energiewende hängt damit ausschließlich davon ab, wie überzeugend unser Tun in Bezug auf den ökologischen und ökonomischen Erfolg auch für unsere europäischen Partner ist. Bereits die Erfahrungen etwa aus dem DESERTEC-Projekt haben gezeigt, dass die gemeinsame europäische Energiepolitik ihre Grenzen hat. Die Bundesrepublik sollte den energet(h)ischen Wandel in Europa dennoch maßvoll durch Anreize und Impulse steuern und beeinflussen. Welchen Anteil importierter Strom sowie importiertes Synthesegas und importierte Biomasse am deutschen wie europäischen Energiemix der Jahre 2040 und danach haben werden, ist deshalb schwer vorherzusagen – hier sollte man sich alle Optionen offen halten und den regulatorischen Rahmen entsprechend flexibel ausgestalten.

CCU: CCS im neuen Gewand oder realistische Option?

Das CCU-Verfahren (Carbon Capture and Utilization ist eine Technologie zur Nutzung von Kohlenstoffdioxid (CO2) als Rohstoff ) bietet Potential als Ergänzungstechnologie insbesondere zur Nutzung in der Industrie anstelle des Carbon Capture and Storage (CCS)-Verfahrens, einer Technologie zur Abspaltung von Kohlenstoffdioxid an Kraftwerken und „dauerhaften“ Einlagerung in unterirdische Lagerstätten – , die wegen hartnäckiger Zweifel an der technischen Umsetzbarkeit und Wirtschaftlichkeit der Technologie nicht weiter gefördert werden sollte. Auch die CCU-Technologie ist jedoch kein Allheilmittel, um weiter konventionelle Kraftwerke zu betreiben. Hier bleibt zunächst die technologische Entwicklung abzuwarten.

3) Baustellen

Die Aufrechterhaltung der Zubaugeschwindigkeit insbesondere an Wind- und Solaranlagen setzt in erster Linie ein System voraus, das deren Finanzierung absichert. Das EEG muss auch weiterhin eine bestimmte Höhe der Zahlungen für den erzeugten regenerativen Strom garantieren. Denn der Marktpreis für Strom allein ist zu starken Schwankungen ausgesetzt, als dass er eine gleichbleibend verlässliche Finanzierung gewährleisten kann. Auch ist das Börsenpreisniveau zumindest mittelfristig wohl zu niedrig, um die EE-Technologien ungefördert in den Markt zu entlassen. Der Bedarf an Eigenkapital wäre ohne dies zu hoch und eine erfolgreiche bankseitige Umsetzung von Projekten unwahrscheinlicher. Das EEG 2017 leitet mit dem Ausschreibungsmodell einen grundsätzlichen Wechsel hin zu einem wettbewerbsorientierten Zugang zu Zahlungen in ausreichender Höhe ein (Vgl. Vollprecht/Altrock, Die EEG-Novelle 2017: Von Ausschreibungen bis zuschaltbare Lasten, EnWZ 9/2016, 387, 388). Dieses Modell steht gegenwärtig auf Grund der ersten, zum Teil überraschenden Erfahrungen mit den Ausschreibungsdesign zu recht auf dem Prüfstand.

Im Bereich Windenergie an Land sind Instrumente erforderlich, die die Akzeptanz der Anlagen bei den Bürgern sicherstellen. Diese kann geschehen durch Beteiligungsmodelle, die Bürger an der Erwirtschaftung der Anlagen teilhaben lassen, oder dadurch gefördert werden, dass das durch die Anlagen erwirtschaftete Geld in die Stärkung der standortnahen Infrastruktur fließt (IKEM et al. (2017): Ausgestaltungsoptionen und -empfehlungen zur finanziellen Beteiligung von Kommunen beim Ausbau von Windenergieanlagen an Land. In: Agora Energiewende (2018) [unter Mitarbeit des Autors]). Andererseits muss das Ausschreibungsdesign so umgestaltet werden, dass alle verlässlichen Akteure der Energiewende, also auch die Gruppe der professionellen Projektentwickler unterschiedlicher Größen, eine realistische Chance auf eine weitere wirtschaftlich erfolgreiche Aktivität haben. Dazu gibt es jetzt einen Gesetzesentwurf, den der Bundesrat eingebracht hat (BR-Drs. 3/18, Antrag des Landes Nordrhein-Westfalen zum Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG)). Auch der Koalitionsvertrag vom. 7.2.2018 deutet auf Änderungsbedarf und politischen Änderungswillen, in dieser Richtung hin. Dies sollte auch zeitnah umgesetzt werden. Zudem ist das Problem des Auslaufens erheblicher Wind-Erzeugungskapazitäten in den nächsten Jahren durch eine – vermutlich nicht sonderlich „teure“ – Anschlussförderung für ältere Windenergieanlagen zu lösen (Vgl. Altrock, Windenergieanlagen nach Ende der EEG-Förderung: (Rechtlicher) Handlungsbedarf?).

Bei der Solarenergie-Förderung ist ein ausgewogenes Miteinander verschiedener Förderwege für kleine, mittlere und große Anlagen zu etablieren. Hierzu gelten abhängig von der installierten Leistung unterschiedliche Förderregelungen. Einspeisevergütungen werden nach dem EEG 2017 noch bis zu einer installierten Leistung von max. 100 kW gezahlt. Für alle größeren Anlagen wird eine Marktprämie für die Direktvermarktung gezahlt. Für kleinere Anlagen, insbesondere auf freien Dachflächen, ist die Mieterstromförderung ein neues und durchaus hoffnungsvolles Instrument. Außerdem gibt es für neuere Anlagen das Eigenstromprivileg, das eine Teil- oder Vollbefreiung von der EEG-Umlagepflicht gewährt (§ 61 Abs. 2 EEG 2017). Wie sehr sich diese verschiedenen Förderinstrumente – insbesondere die bislang offenbar nur zurückhaltend genutzte Mieterstromförderung – bewähren, bleibt abzuwarten.

Für die Biomasse ist eine Anschlussförderung nötig, die gewährleistet, dass Biomasseanlagen tatsächlich noch über 20 Jahre hinaus weiterbetrieben werden können. Die Biomasse macht einen beachtlichen Anteil der Gesamtstrommenge aus Erneuerbaren Energien aus – 27 % im Jahr 2016. Weil der Zubau von neuen Biomasseanlagen aber nur ausnahmsweise eine wirtschaftlich sinnvolle Option darstellen dürfte, ist eine weitere Flexibilisierung der vorhandenen Anlagen vorzugswürdig, die darauf angelegt ist, die Stromerzeugungskapazität, nicht aber der absoluten Stromoutput, auszubauen und die Einspeisungspotentiale durch Speichertechnik zu erweitern.

Die EEG-Umlage liegt für das Jahr 2018 bei 6,792 ct/kWh und sollte umgestaltet werden, um langfristig nicht weiter anzusteigen. Die Förderlast für die Energiewende muss umverteilt und die Bürger als Stromkunden entlastet werden. Möglich ist eine teilweise Haushaltsfinanzierung, etwa durch eine Steuer (Vgl. auch Ausführungen in dem Gutachten im Auftrag der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung, Weiterentwicklung des EEG aus Verbraucherperspektive, April 2014, S. 71 [unter Mitwirkung des Autors]). Auch wäre es möglich, die sehr intensive Förderung der zwischen 2009 und 2012 in Betrieb genommenen Solaranlagen nicht weiter aus der EEG-Umlage zu betreiben, sondern auszulagern. Sollte der EuGH in seiner ausstehenden Entscheidung zur Besonderen Ausgleichsregelung im EEG bestätigen, dass der privatrechtliche Umlagemechanismus des EEG eine genehmigungsbedürftige Beihilfe im europarechtlichen Sinne darstellt (Art. 107 Abs. 3 AEUV), wäre der Handlungsspielraum nicht mehr insofern beschränkt, als durch die privatrechtliche Ausgestaltung die Einordnung als Beihilfe vermieden werden sollte. Sollte der EuGH aber doch keine Beihilfe annehmen, was auch vorstellbar ist, muss freilich insoweit neu überlegt werden. Aber auch dann werden sich regulatorische Lösungen finden lassen. So trüge etwa auch eine wirkungsvollere CO2-Bepreisung dazu bei, die volkswirtschaftlichen Kosten verursachungsgerechter zu verteilen. ETS-Zertifikate müssten dem System entzogen werden, um so das derzeitige Überangebot zu senken und die Preise wieder anzuheben. Ferner fordert etwa der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE), die Industriesubvention in Form der besonderen Ausgleichsregelung (§§ 63 ff. EEG) von der EE-Finanzierung zu entkoppeln (Bundesverband Erneuerbare Energien e.V.: Die Kostenvorteile Erneuerbarer Energien nutzen, 8.2.2018), was ebenfalls bedenkenswert ist.

4) Die vier ordnungspolitischen Grundsätze von Hermann Scheer – 2010 und heute

In seinem Buch „Der Energethische Imperativ: 100 % jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist“ aus dem Jahr 2010 formulierte Hermann Scheer u.a. vier ordnungspolitische Grundsätze für eine erfolgreiche Energiewende. Er postulierte, der Vorrang der Erneuerbaren Energien auf dem Strommarkt sowie der Vorrang im Planungsrecht müssten erhalten bleiben. Außerdem sei der Rechtsrahmen dahingehend umzubauen, dass die Energiesteuer in eine Schadstoffsteuer umgewandelt wird. Zuletzt müsse die Energieinfrastruktur stringent als Gemeinschaftsgut gestaltet werden.

Vorrang der Erneuerbaren Energien auf dem Strommarkt

Derzeit befinden sich noch viele konventionelle Kraftwerke am Netz. Der Vorrang der Erneuerbaren Energien auf dem Strommarkt muss deshalb, wie auch 2010 von Hermann Scheer vertreten, vorerst bestehen bleiben, auch wenn er immer wieder in der politischen Diskussion steht. Dieser Vorrang hat seine natürliche Endlichkeit allerdings dann, wenn ausschließlich erneuerbare Energien in das Netz eingespeist werden. Den bei einem so hohen Anteil an EE-Strom entstehenden Binnenkonflikten (etwa: Windstrom vs. Solarstrom) ließe sich dann durch Steuerung der Einsatzreihenfolge etwa über Preissignale beikommen (Vorrang für die jeweils günstigste erneuerbare Energie).

Vorrang im Planungsrecht

Unverzichtbar bleibt, wie von Hermann Scheer gesehen, auch der Vorrang im Planungsrecht. Bei Raumordnung und Bauleitplanung gibt es immer noch zu hohe gesetzliche Hürden, wie etwa die 10H-Regelung (Art. 82 Abs. 1 BayBO). Danach müssen Windenergieanlagen in Bayern einen Mindestabstand vom 10-fachen ihrer Höhe zu Wohngebäuden einhalten. Dadurch verbleiben zu wenig Flächen. Hier ist eine gesetzliche Verankerung eines Vorrangs durch Eignungs- und Vorranggebiete angezeigt.

Umwandlung von einer Energiesteuer in eine Schadstoffsteuer

Noch immer ist es nicht gelungen, durch Umwandlung von einer Energiesteuer in eine Schadstoffsteuer, wie von u.a. von Hermann Scheer vorgeschlagen, die externen Klimakosten zu internalisieren. Erst wenn dies geschieht, werden wir unser Handeln danach ausrichten. Ein Weg ist die Abschaffung der Stromsteuer, die unabhängig davon ist, aus welcher Quelle der Strom kommt. Sinnvoll wäre dagegen die CO2-Bepreisung. Der Emittent muss merken, ob er eine Anlage mit viel oder wenig CO2-Emission betreibt. Der Umbau des Rechtsrahmens ist wohl auf dem Weg, aber noch lange nicht abgeschlossen.

Gestaltung der Energieinfrastruktur als Gemeinschaftsgut

Insbesondere bei Windenergieanlagen ist die Akteursstruktur im Umbruch. Die seit dem EEG 2017 möglichen Bürgerenergiegenossenschaften – sie gehen grundsätzlich für den Bereich Erzeugung (aber Netz) wohl in die Richtung einer Gestaltung der Energieinfrastruktur als Gemeinschaftsgut im Sinne von Hermann Scheer – haben durch ihre Privilegierung (vgl. § 36g EEG) bei der Ausschreibungsrunde 2017 über 90 % der Zuschläge erhalten. Diese Privilegierung wird jedenfalls für die ersten beiden Ausschreibungen 2018 wieder zurückgefahren. Sie ist tatsächlich nicht tragbar, wenn sich eine dauerhafte Akteursvielfalt etablieren soll (s. o.). Zudem besteht durch die Art der Ausgestaltung nun die Gefahr einer vorübergehenden Ausbaulücke im Jahr 2019 (Vgl. BR-Drs. 3/18, S. 1 f., Antrag des Landes Nordrhein-Westfalen zum Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG)). Um die Bürgerenergiegesellschaften weiterhin nachhaltig zu integrieren, müssen wir die Frage beantworten, was die Bürgerenergiegesellschaften nach ihrem Charakter ausmachen soll. Sollen sie die Projektentwicklung und Errichtung ermöglichen und durchführen? Oder sollen sie dauerhaft Eigentümer der Windanlagen sein und entsprechend weitergehend an der Wertschöpfung partizipieren? Dabei ist folgender sich abzeichnender aktueller Hintergrund im Bereich der Windenergie zu beachten: Planungstechnisch ist eine dezentrale Vorgehensweise erfolgversprechender als ein zentraler Ansatz; wirtschaftlich – etwa hinsichtlich der Beschaffung der Anlagen – hingegen der Zubau günstiger, wenn er von Akteuren mit mehr Marktmacht und einer ausreichenden Portfolio-Größe realisiert wird. Dies ist eine regulatorische Herausforderung auch für die laufende, noch junge Legislaturperiode.

Fazit

Eine vollständige Energiewende ist bis 2050 zu schaffen. Hierfür ist es aber notwendig, dass der Gesetzgeber den regulatorischen Rahmen an dem weiterhin gültigen Gebot einer energethischen Politik ausrichtet und einer stringenten Priorisierung der Erneuerbaren Energien mitsamt einer darauf fußenden mutig, aber kostensensibel ausgeweiteten Sektorenkopplung weiterverfolgt. Die vier ordnungspolitischen Grundsätze Hermann Scheers aus dem „Der Energethische Imperativ“ von 2010 bleiben insofern erstaunlich aktuell. Insbesondere sind die Rahmenbedingungen zur Finanzierung der Energiewende zu überdenken und die derzeitige Energieinfrastruktur in eine wirklich nachhaltige, von breiter Akzeptanz getragene, Energieinfrastruktur zu verwandeln. Bei den Energieträgern und ihren Zubauzielen gilt darüber hinaus die Prämisse: Und statt oder.

Dr. Martin Altrock ist Rechtsanwalt und Partner von Becker Büttner Held in Berlin und u.a. Herausgeber und Autor eines Kommentars zum EEG (Altrock/Oschmann/Vollprecht, EEG, München, 5. Auflage in Vorbereitung).

*  Der Autor bedankt sich bei Herrn Wiss. Mit. Maximilian Drake für die Unterstützung bei der Verschriftlichung eines Vortrags vom 14. Oktober 2017 in Wuppertal (Veranstaltung im Rahmen der Verleihung des Deutschen Solarpreises 2017 durch EUROSOLAR).

Den gesamten Artikel finden Sie hier als PDF-Dokument.

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