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Der erfolgreichste Solarpolitiker der Welt

Beitrag von Franz Alt, erschienen im Solarzeitalter 1/2018

Hermann Scheer war und ist der erfolgreichste Solarpolitiker der Welt. Er hat den Einstieg ins Solarzeitalter weltweit vorbereitet und mit organisiert. Wie hat er Menschen gefunden, die seinen Traum mitgetragen haben?

Wie hat er Hunderttausende auf der ganzen Welt davon überzeugt, dass die Zukunft den Erneuerbaren Energien gehört? Und dass dafür eine ökonomische, eine  ökologische, eine soziale und eine ethische Transformation notwendig ist?

Propheten erreichen nur selten ihr „Gelobtes Land“. Aber sie träumen davon. Das war schon bei Moses so. Er sah sein Gelobtes Land von der Ferne. Aber er erreichte es nicht. Das war bei Mahatma Gandhi so. Er träumte vom freien Indien. Aber er erlebte es nicht mehr. Das war bei Martin Luther King so. Hermann Scheer träumte von der Überwindung des fossil-atomaren Komplexes und vom solaren Zeitalter. Aber er erlebte es nicht mehr. Doch alle Erfahrung der Geschichte zeigt: Ohne Träume und ohne Träumer von einer besseren Welt kein Fortschritt.

1996 traf Hermann Scheer in Stuttgart den späteren Friedensnobelpreisträger Muhamad Yunus aus Bangladesch. Yunus war schon damals der erfolgreichste Banker der Welt, der mit seinen Mikrokrediten für die Ärmsten Millionen aus der Armut befreite. Hermann Scheer überzeugte Yunus in 30 Minuten davon, dass die Solarenergie einen wesentlichen Beitrag zur Überwindung der Armut leisten kann. Einen Rohstoff, der nichts kostet, den kann sich jeder leisten. Yunus stimmte Scheer voll zu und gründete schon sechs Monate später innerhalb seiner Grameen-Bank die Tochter Grameen-Shakti, die Solarbank, die künftig den Armen über Mikrokredite Solaranlagen verkaufte. Bis heute etwa vier Millionen Anlagen. Zurzeit, so sagte mir Yunus, verkaufe seine Bank täglich mehrere tausend Photovoltaik- Anlagen. Hermann Scheer hat Millionen Menschen in den Dritte-Welt-Ländern zu Strom und Licht verholfen.

Ich habe oft vor Ort die Dankbarkeit der Menschen dafür erleben dürfen.In Kalifornien wurde Hermann Scheer durch seine Bücher und durch seine vielen Vorträge beinahe zum Volkshelden. Arnold Schwarzenegger und Robert Kennedy junior nannten ihn „My Hero“. Nicht eine deutsche Zeitung, aber das Magazin Time erklärte Scheer zum „Hero of the century“. Schicksal des Propheten im eigenen Land und oft auch in der eigenen Partei. Hermann Scheer hat parteiübergreifend Menschen auf der ganzen Welt mitseinem Traum von der Energie-Autonomie infiziert. Seine Botschaft hieß: Jede Region auf unserer Erde kann sich zu 100 % selbst mit Energie versorgen. Allein in Deutschland haben sich dieses Ziel bereits über 100 Regionen gesetzt. Dank Hermann Scheer. Keine Kriege mehr um Öl, sondern Frieden durch die Sonne. Eineinhalb Millionen Bauern, Handwerker, Mittelständler und Hausbesitzer haben diese Botschaft verstanden und wurden aktiv. Energie aus der Region für die Region und weg von den Dinosaurier-Konzernen. Das macht unabhängig, hilft dem Frieden, stärkt die regionale Wirtschaft und schafft Arbeitsplätze. Ökosozial statt marktradikal. Das verstehen immer mehr Menschen. Das ist zeitgemäß und zukunftsorientiert. Er kämpfte für eine nachhaltige, das heißt enkelgerechte Politik.

Im Bundestag wurde Hermann Scheer einmal Stellvertreter der Sonne auf Erden genannt. So was freute ihn und das Wort Solarpapst hat er nie zurückgewiesen. Im Gegenteil: Der Agnostiker hat gerne die Festrede gehalten als im Vatikan direkt neben der Peterskirche eine der größten Photovoltaik-Anlagen Roms eingeweiht wurde. Himmlische Energie für den deutschen Papst und Hermann Scheer hält die Festrede. Welche Freude im Himmel über so ein Ereignis! Hermann Scheer hatte nie Berührungsängste – weder parteipolitische noch soziale. Kurz vor seinem Tod, im Angesicht der damaligen schwarz-gelben Energiepolitik, also noch vor Fukushima, hat er seinen Freunden diese Energie-Strategie empfohlen: Abkoppeln! Abschalten! Abwählen! Nicht zuletzt deshalb hat er die Initiative zur Gründung des Instituts Solidarische Moderne ergriffen, damit rasch eine parlamentarische Alternative zu schwarz-gelb möglich wird. Auch hier eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie 22 Jahre zuvor bei der Gründung von EUROSOLAR: in wenigen Monaten 1.500 Mitglieder aus verschiedenen politischen Richtungen. Hermann konnte und wollte sich nie mit dem Status Quo begnügen. Es sah und initiierte immer Alternativen wie es in einer lebendigen Demokratie sein sollte. Der Alternative Nobelpreisträger sah in Alternativen den anderen Beweger der Politik.

Als Intellektueller war Hermann Scheer sehr von der Aufklärung beeinflusst. Jeder aufgeklärte Mensch, ob gläubig oder nicht gläubig, fragt sich irgendwann: Mündet die Geschichte meines Lebens in einen letzten Sinn oder in eine letzte Sinnlosigkeit? Hat der Tod das letzte Wort? In seinem letzten Buch „Der energethische Imperativ“ gibt Hermann eine ganz einfache, aber sehr eindeutige Antwort – wie es seine Art war: Er hat es seiner Enkelin gewidmet. In diesem Buch für Lilly – und damit auch für seine Frau Irm und Tochter Nina – fasst er sein ganzes Denken, sein ganzes Empfinden und seinen unverwechselbaren Kampf für eine bessere Welt noch einmal wie sein Vermächtnis zusammen. Er hat in diesem Buchtitel sogar ein neues Wort erfunden: energethisch. Energethisch mit th. Und in dieses Buch hat er mir wenige Tage vor seinem Tod hinein geschrieben: Der Kampf geht weiter! Hermanns Kampf für die 100-prozentige solare Energiewende weltweit bis 2030 war ein ethischer, ein moralischer Kampf. Welch ein tiefer Sinn! Er kämpfte mit seiner ganzen Existenz für die Generationen seiner Tochter und seiner Enkelin. Der Dalai Lama meint: Der Sinn unseres Hierseins ist die Mitarbeit an der Bewahrung der Schöpfung.

Auch mit seinem letzten Buch zeigte sich Hermann Scheer als Pionier und zugleich als politischer Realist. Für den 100-prozentigen Umstieg sah er freilich vier ordnungspolitische Grundsätze als unabdingbar:

  • den bleibenden Vorrang für Erneuerbare Energien im Strommarkt
  • den Vorrang für Erneuerbare Energien in der Raumordnungspolitik und öffentlichen Bauleitplanung
  • eine grundlegende Umwandlung der Energiesteuern zu einer Schadstoffbesteuerung und
  • eine stringente Gestaltung der Energie-Infrastruktur als Gemeinschaftsgut.

Er argumentierte ordnungspolitisch im Rahmen einer ökosozialen Marktwirtschaft. Sein ordnungspolitisches Credo: ökosozial statt marktradikal. Er entlarvte die alten Energie-Oligopole als planwirtschaftliche Monster.

Gerhard Schröder hat zu Hermann einmal gesagt: „Das Gefährliche an dir ist, dass Du zu Deinen Überzeugungen stehst“. Nach dem Fertigschreiben seines letzten Buches hat er mir bei einem Spaziergang gesagt: „Der Geist trägt weit, viel weiter als ich am Beginn des Buches dachte.“ Hermanns Geist trug weit. Im Neuen Testament ist Gott identisch mit Geist. Hermann Scheer konnte in tausenden Vorträgen und mit seinen Büchern ebenso wie in Fernsehauftritten viele Menschen be-geist-ern. Sein Geist wird auch in Zukunft weit tragen. Lieber Hermann, Du hast einen guten Kampf gekämpft. Wir werden Deinen Kampf in Deinem Sinn weiter führen weiter führen. Nach einem Motto, das Dir gut gefallen würde: Bürger, zur Sonne, zur Freiheit!

Vor wenigen Jahren noch war es in allen Industriegesellschaften Mehrheitsmeinung, dass die Erneuerbaren Energien niemals zu 100 % die alten Energieträger ersetzen können. Heute aber ist unbestritten und unbestreitbar, dass der 100-prozentige Umstieg nötig und möglich ist. Umstritten ist nicht mehr ob, sondern nur noch w a n n der vollständige Wandel zu Erneuerbaren Energien zu realisieren ist.

Hermann Scheer ist in „Der energethische Imperativ – 100% jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist“ davon überzeugt, dass Deutschland und Europa bis 2030 zu 100% erneuerbar werden können, wenn die politischen Weichen richtig gestellt werden. Das heißt, wenn sich die Politik nicht mehr länger von der alten Energiewirtschaft an der Nase herumführen lässt. „Der Wechsel zu hundert Prozent erneuerbaren Energien bedeutet den umfassendsten wirtschaftlichen Strukturwandel seit Beginn des Industriezeitalters“, so Scheer. Ein Strukturwandel, der freilich Gewinner und Verlierer produzieren wird.

Das Problem: Den künftigen Gewinnern sind die Chancen noch nicht bewusst, sonst würde der Wechsel weit schneller erfolgen als sich das die meisten heute vorstellen können. Die Macht des Bestehenden hat schon immer notwendige Strukturwechsel gebremst. Es gibt freilich auch einen „Point of no return“.

Der Autor zeigt an vielen Beispielen, dass und wie frühere Strukturwandel viel rascher organisiert wurden als die Vertreter und Verfechter alter Strukturen dies wünschten und sich vorstellten: Beim Bau der Eisenbahnen, bei der Automobilität oder bei der IT-Revolution seit 1985. Und warum soll es ausgerechnet bei der für jede Volkswirtschaft so wichtigen Energiefrage anders kommen? Ohne Energie keine funktionierende Volkswirtschaft.

Jahrzehntelang wurden die Erneuerbaren unterschätzt und die alten Energieträger überschätzt – auch von den Vertretern der Erneuerbaren Energien. Der Ausbau des Windstroms wuchs in Deutschland seit 1990 etwa dreimal so schnell wie es der Bundesverband Erneuerbare Energien prognostiziert hat. Dasselbe passiert seit drei Jahren mit Photovoltaik-Strom. Weltweit hat sich der Solarstorm seit dem Jahr 2000 verhundertfacht und der Windstrom verfünfzehnfacht. Die Weltenergie-Agentur in Paris hat sich beim Ausbau der Erneuerbaren Energien schlicht um den Faktor zehn verschätzt. Alles ging in den letzten Jahren viel schneller, weil genügend Akteure in Politik, Wirtschaft, aber auch Privatpersonen, sich darum kümmerten. Einer der Hauptkümmerer weltweit in den letzten Jahren war Hermann Scheer, SPD-MdB, Präsident des Weltrats für Erneuerbare Energien, Präsident von EUROSOLAR und Träger des Alternativen Nobelpreises. Er war bis zu seinem Tod der einflussreichste Protagonist für Erneuerbare Energien in unserer Zeit.

Die Zeitschrift „Scientific America“ gab schon 2009 Hermann Scheer recht: Der gesamte Weltenergieverbrauch könne bis 2030 erneuerbar produziert werden. Und zwar durch diesen Energiemix: 3,8 Millionen Windräder mit je fünf Megawatt (MW) Leistung, 490.000 Gezeitenkraftwerke zu je 1 MW, 5.350 geothermische Kraftwerke zu je 100 MW, 900 große Wasserkraftwerke zu je 1.300 MW  (davon existieren bereits 70 %), 720.000 Wellenkraftwerke zu je 0,75 MW sowie 1,7 Millionen Photovoltaik-Anlagen zu je 3 KW, 40.000 Photovoltaik-Kraftwerke zu je 300 MW und 49.000 solarthermische Kraftwerke zu je ebenfalls 300 MW.

Dieser „Plan for a sustainable Future“ geht davon aus, dass gegenüber heute durch Effizienz und Sparmaßnahmen 2030 etwa ein Drittel der heutigen Energieverbräuche eingespart werden kann. Die Energie werde künftig durch die erneuerbaren Quellen preisgünstiger als heute – so die Verfasser dieser Studie, Mark Jacobsen von der Stanford University und Mark Delucci von der University of California. Dieses Szenario klingt sehr ehrgeizig. Aber vor 100 Jahren hat sich auch kaum jemand vorstellen können, dass 2018 etwa eine Milliarde PKW auf dieser Erde herumfahren.

Die Umsetzung dieser realisierbaren Vision heißt: Die alten Energieversorger verlieren ihr Monopol, ihre Macht und ihre Gewinne, wenn sie sich nicht rasch umstellen. Und wer gibt für die Umsetzung solcher 100-%-Szenarien den alles entscheidenden Anstoß? Nicht ein „Konsens“ aller 200 Regierungen der Welt - das zeigen die ergebnislosen Weltklima-Konferenzen seit 20 Jahren – sondern jenes Industrieland, das vorangeht und dabei Millionen neue Arbeitsplätze schafft und sich künftig damit auch Exportvorteile erkämpft. Zurzeit ist das eher China als Deutschland.

Der große ökonomische Vorteil der künftigen ökologischen Energieversorgung ist, dass Sonne und Wind keine Rechnung schicken, sondern als Geschenk des Himmels von jedem genutzt werden können, der sich die dafür notwendige Technik installieren lässt. Und diese Techniken werden durch zunehmende Massenproduktion immer preiswerter. Notwendig ist freilich neues Denken und erst recht neues Handeln. Jeder Strukturwandel stößt auf Widerstand, der nur durch Konfliktfreudigkeit überwunden werden kann.

Erneuerbare Energien brauchen freilich neue Speicherkapazitäten wie Druckluft- und Pumpspeicher, Wasserstoff, Biogas und Millionen Elektroautos, die – hauptsächlich nachts, wenn die Sonne nicht scheint – massenhaft vernetzt auch große Kraftwerke ersetzen können. Nur Technik-Pessimismus könne den heute schon möglichen Fortschritt verhindern. Man muss kein Naturwissenschaftler sein, um zu ahnen, dass in einer Zeit, in der wir auf den Mond fliegen können, auch das Speicherproblem der Erneuerbaren Energien gelöst werden kann.

Erneuerbare Energien brauchen kleine, dezentrale Strukturen. Darin liegen ihre gesellschaftspolitischen Chancen. Die künftige von Millionen Trägern organisierte dezentrale, in den Regionen verankerte Energieversorgung, wird demokratisch sein. DESERTEC wird ein „Milliardengrab“ prophezeite Hermann Scheer. Und genau so kam es. „Dass sich die erneuerbaren Energien vollständig durchsetzen hat die Natur vorentschieden. Die Primärenergiewirtschaft, die ihre Existenz allein den fossilen Ressourcen und dem Uran verdankt, wird von der Bildfläche verschwinden – entweder früher als von ihr akzeptiert oder zu spät.“

Dieser fundamentale Konflikt sei noch nicht entschieden. Die technischen Probleme sind lösbar und zum großen Teil schon gelöst. Es gibt jetzt keine Ausreden mehr. Die alles entscheidende Frage heißt nun: haben wir noch Verantwortung für künftige Generationen?

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