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Editorial 02-2018

Editorial von Irm Scheer-Pontenagel, erschienen im Solarzeitalter 02/2018

„Auf der politischen Ebene entscheidet sich, ob der Energiewechsel, den die Gesellschaft vollzieht, beschleunigt wird. Der energethische Imperativ bedeutet: ultimative Beschleunigung.“
Hermann Scheer (1944 – 2010)

Noch immer steht die Klimafrage als die eigentliche Bedrohung der Menschheit im Vordergrund jeder politischen Diskussion, noch immer stehen diese Ereignisse wie eine große Schicksalsfrage vom Menschen verursacht und scheinbar unlösbar den Menschen gegenüber. Die Politik gibt die Frage gern an die Menschen zurück. Ihr lebt über eure Verhältnisse – ihr müsst Verzicht üben. Jeder kann seinen „Fußabdruck“ als Ressourcenverbrauch errechnen. Schon im Monat Mai hat die Menschheit ihr Budget für das Jahr aufgebraucht und lebt auf Pump der folgenden Generation.

War es bisher der ungezügelte Verbrauch des atomar fossilen Energiesystems, rückt nun immer mehr die „Plastikfrage“ in den Vordergrund der Besorgnis.

Die Erfolgsgeschichte der Chemieindustrie begann mit der Verwendung von Erdöl aus dem heute noch neunzig Prozent aller Kunststoffe produziert werden und kaum in überschaubaren Zeiträumen von der Natur abbaubar sind. Verstörende Bilder von riesigen Plastikstrudeln auf den Weltmeeren als Partikel aufgenommen in die Nahrungskette, als Vergiftungsverkettung für Menschen und Tier. Die Forderung nach der „Chemie-Wende“ konnte daher nicht ausbleiben.

Auch hier wird die Schuld den Verbrauchern gegeben. Eine Steuer für Plastikverpackungen wird in die politische Diskussion gebracht. Der EU-Haushaltskommissar Oettinger kündigt eine Steuer auf nicht recycelte Plastikabfälle an. Künftig sollen die Mitgliedstaaten der EU für jedes Kilogramm Verpackungsmüll aus Plastik, das nicht wiederverwertet wird, 80 Cent an die EU zahlen. Diese Steuer stärkt zwar den EU-Haushalt, setzt aber nicht an der Quelle des Übels an, bei der Produktion des Kunststoffs. Mit dem Steuervorschlag wird den Ländern und den Konsumenten der schwarze Peter zugeschoben. Das ist unredlich.

Es geht um den nicht abbaubaren Grundstoff, aus dem Plastik produziert wird, darauf hat der Konsument keinen Einfluss. Ein Verbot bestimmter Produkte wäre sehr zu begrüßen, besonders als unnötige Beimischung von Plastikpartikeln in Kosmetik- und Hygieneartikeln oder das Verbot jener, die mit ihrem Namen schon belegen, dass es Alternativen gab und gibt wie den „Strohhalm“. Auch eine Kreislaufwirtschaft als Sammeln und Wiederverwenden kann nur als Übergangslösung gelten. Eine Steuer muss bei der Verteuerung der Produktion ansetzen, sodass diese auf abbaubare Grundstoffe setzt.

Politische Regelungen müssen grundsätzlich das Verursacherprinzip im Auge haben. Wie unbefriedigend eine Diskussion und politische Regelung verlaufen können, ist beispielhaft bei der Luftverschmutzung durch Kraftwerke und dem Autoverkehr zu sehen. Eine Verschmutzungssteuer für Kraftwerke statt des unwirksamen Emissionshandels hätte die Produzenten von Umweltgiften schneller in eine notwendige Konkurrenz zu Erneuerbaren Energien (EE) gebracht und deren Ausbau beschleunigt. Dazu Peter Becker in seinem Plädoyer für eine wirksame CO2-Bepreisung: „Parallel zum EEG hätte man eine wirksame CO2-Bepreisung einführen müssen und keine Ausnahmen für energieintensive Betriebe zulassen dürfen. Die Nicht-Bepreisung von Treibhausgasemissionen gehört damit genauso wie z.B. die kostenlose Zuteilung von CO2-Emissionsberechtigungen oder die Ausgleichsregelungen des EEG (Ausnahmen) de facto zu den klimaschädlichen Subventionen, wie sie vom Umweltbundesamt seit Jahren kritisiert werden“.

Eine Autoindustrie, die mit Strafverfahren und Entschädigungen beim Betrug hätte rechnen müssen, wäre vorsichtiger bei ihren Betrügereien geworden. Den Verbraucher von Luft zu ermahnen, doch bitte seinen Verbrauch einzuschränken, wäre sicher eine absurde politische Forderung. Luft, Wasser und Nahrungsmittel sind Güter, die schadstofffrei verfügbar sein müssen. Zu ihnen gibt es für den Konsumenten keine Alternative. Dies zu sichern ist vorderste Aufgabe der Politik. EUROSOLAR setzt die 1996 mit der Erarbeitung von Bildungsmaterialien begonnene und mit der von 2000 bis 2008 durchgeführten Konferenzserie „Der Landwirt als Energie- und Rohstoffwirt“ initiierte Diskussion um abbaubare Grundstoffe als Forderung an die chemische Industrie fort.

Im Rahmen des „Energy Transition Dialogue“ wird durch die Bundesregierung erneut betont, dass es vorrangig um den beschleunigten Netzausbau gehe sowie um das Ende der polarisierenden Debatte über fossile Energien. Doch wie versteht sich die Forderung nach beschleunigtem Netzausbau mit dem seit Jahren ansteigendem Stromexport Deutschlands (Fraunhofer ISE). Bei einer umfassenden Reduzierung der Braunkohlestromerzeugung könnte Deutschland große Mengen von CO2-Emissionen vermeiden – mit der gleichzeitigen Chance, den Stromanteil aus EE zu erhöhen.
Hinter der Forderung nach Beendigung der polarisierenden Debatte um fossile Energien verbirgt sich die Absicht, im Rahmen des Energiesystemwechsels eine Gleichstellung und Gleichbehandlung von erneuerbaren und fossilen Energien zu erreichen. Eine Neuregelung soll daher nicht nur auf EU-Ebene, sondern auch in Deutschland das Vorrangprinzip der Einspeisung von Strom aus EE im Sinne der Marktgleichheit einschränken oder ganz aufheben. Umwelt und die Gesundheit belastender Strom kann aber weder mit EE-Strom gleichgestellt werden, noch darf das Vorrangprinzip für EE aufgegeben werden. Fossile Energien müssen aus den bekannten Gründen durch EE ersetzt werden. Das ist eine energetische und auch eine ethische Aufgabe.

Die erfolgreiche Energiewende mit EE mit einer Vielzahl dezentraler Akteure und regionaler Wertschöpfung sieht sich mit den Digitalisierungsoptionen einer neuen Situation gegenüber. Die Nachricht, E.ON und Google verlängern Sunroof-Partnerschaft, zeigt auf neue Chancen für Großakteure (Kurznachrichten, Seite xx). Nicht nur das Ausschreibungsmodell für PV-Freiflächenanlagen kommt Großkonzernen entgegen, sondern auch die Technik der Digitalisierung. E.ON, dessen Gewinne maßgeblich aus dem Netzgeschäft stammen, will spätestens 2019 PV-Marktführer in Deutschland werden. Das soll unter anderem mit dem Sunroof-Projekt in Partnerschaft mit Google erreicht werden. Die beiden Unternehmen wollen die Plattform, die das Photovoltaik-Potenzial von Gebäuden ermittelt, noch in weiteren Ländern der EU anbieten. Die Digitalisierung macht es möglich und sichert Großkonzernen ein neues europaweites Geschäftsfeld. Prosumer und ihre dezentrale Energieautonomie, die mit Speichern bis zur Autarkie reichen kann, werden neu umworben. Zu welchen Kosten die Großunternehmen ihre Leistungen anbieten werden und wie groß das neue Abhängigkeitsverhältnis und die Transparenz der „Partnerschaft“ sich darstellt, bleibt abzuwarten.

Die Energiewende mit Erneuerbare Energien als Energiesystemwechsel mit Versorgungssicherheit, Kosten und Arbeitsplätzen standen seit der EUROSOLAR-Gründung im Vordergrund der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskussionen und haben die Auseinandersetzung mit der damaligen Energiewirtschaft bestimmt. Joachim Nitsch hat sich als Wissenschaftler und Gründungsmitglied von EUROSOLAR mit diesen Fragen eingehend befasst und gibt im Rahmen seines Interviews aktuell Auskunft zur künftigen Entwicklung von EE-Arbeitsplätzen: „…dieses ‚Jobwunder‘ ist allerdings eng verknüpft mit der erfolgreichen Lösung … der bisher verdrängten ‚externen‘ Kosten der fossilen Energien. Überzogene energiepolitische Korrekturen bei der ‚Anpassung‘ des EE-Wachstums haben in Deutschland bereits einmal zu Einbrüchen und zur Abwanderung von Arbeitsplätzen geführt. Umso drängender ist es, das ‚Marktversagen‘ im Energiebereich umfassend zu korrigieren und die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass fossile Energien in allen Sektoren rasch und wirksam zurückgedrängt werden.“ Das Interview lesen Sie auf Seite 5.
Wenn auch die Neuigkeiten zum EE-Ausbau in Deutschland eher bescheiden erscheinen, so stellt sich dies weltweit und in vielen außereuropäischen Regionen deutlich anders dar. Nicht nur in China, auch in Afrika schreitet die Energiewende in großen Schritten voran. Die IRENA (International Renewable Energy Agency) belegt diese Entwicklung mit einer Reihe weiterer Berichte über den regionalen und weltweiten Ausbau der EE. Informationen zu ausgewählten Publikationen wie der Studie „Roadmap 2050“, die zeigt, dass EE bis 2050 in vielen Ländern 60 % oder mehr des gesamten Endenergieverbrauchs liefern können, dem Report zum stetigen weltweiten Wachstum der Anzahl der Arbeitsplätze im Bereich der EE sowie zu weiteren Themen werden auf den Seiten xxx vorgestellt. Zudem berichten Rudolf Rechsteiner und Wolfgang Hein über aktuelle Entwicklungen in der Schweiz  und in Österreich.

Die Internationale Speicherkonferenz IRES von EUROSOLAR und WCRE fand in Düsseldorf zusammen mit der Energy Storage EUROPE (conference + expo) statt. Die Teilnehmenden informierten sich über die Forschungsergebnisse im Bereich der Erneuerbaren Energiespeicherung zu Themen wie Batteriespeicher, thermische und mechanische Speicher sowie zu Power-to-Gas-Anwendungen. Die produktive Verknüpfung der wissenschaftlichen Forschung mit der Diskussion der politischen Rahmenbedingungen und den Perspektiven für Unternehmen machten Düsseldorf erneut für drei Tage zum weltweiten Zentrum der Energiespeicherbranche. Sie finden einen Bericht über die 12. IRES-Konferenz ab Seite xx.
Auch die EUROSOLAR-Stadtwerkekonferenz für Erneuerbare Energien fand zum 12. Mal statt, in diesem Jahr in Nürnberg. Gemeinsam mit der N-ERGIE Aktiengesellschaft und der Kompetenzinitiative ENERGIEregion Nürnberg e.V. wurden Impulse für kommunale Stadtwerke als entscheidende Akteure einer innovativen, dezentralen und erneuerbaren Energieversorgung vermittelt.

1988 – 2018: 30 Jahre EUROSOLAR, Teil 2. In dieser Ausgabe erinnern und orientieren in ihren Beiträgen zu diesem Jubiläum Carl-A. Fechner, Peter Becker und Jürgen Hartwig aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auf die vielfältigen und erforderlichen Aktivitäten, die für das Ziel einer dezentralen und bürgernahen Energiewende auf Basis der EE notwendig waren und immer noch sind. Weitere Beiträge zu 30 Jahre EUROSOLAR werden in den nächsten Ausgaben des SOLARZEITALTER folgen.

EUROSOLAR freut sich auf das Jubiläum, das mit einem Sommerfest am 25. August in der Geschäftsstelle in Bonn gefeiert werden wird. Am 27. September wird in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin ein internationales Symposium mit anschließendem parlamentarischen Abend für „Ein Europa der Erneuerbaren Energien“ folgen.

Vier Beiträge zum Kohleausstieg , zum EU-Energiepaket , zu Plusenergiehäusern sowie zur globalen Schifffahrt runden die Themenpalette ab. Zum Abschluss des redaktionellen Teils dieser Ausgabe argumentiert Franz Alt offensiv für einen solaren Imperativ.

Das vollständige Editorial finden Sie hier als PDF-Dokument.

Aktuelle Artikel aus dem Solarzeitalter

  • Editorial 01-2019

    Editorial von Irm Scheer-Pontenagel, erschienen im Solarzeitalter 01/2019

    „Der beschleunigte und umfassend angelegte Wechsel zu Erneuerbaren Energien ist eine wirtschaftliche, soziale und ökologische Existenzfrage. Es darf keine Zeit mehr verspielt werden.“
    Hermann Scheer (1944 – 2010)

  • "Wir müssen es lukrativ machen, die Kohle zu stoppen"

    Interview mit Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, erschienen im SOLARZEITALTER 01/2019

    Am 2. Juni 2004 tagte das Internationale Parlamentarier-Forum parallel zu der Internationalen Regierungskonferenz „renewables2004“ – dazu heißt es im Vorwort: Das Parlamentarier-Forum dient nicht allein dem Erfahrungsaustausch über die Gesetzgebung für Erneuerbare Energien, sondern auch der Generierung neuer internationaler politischer Initiativen zur Finanzierung durch die Entwicklungsbanken und der Schaffung einer internationalen Agentur für Erneuerbare Energien.

  • Die Energiewende wird verschleppt

    Artikel von Dr. Dieter Attig, erschienen im SOLARZEITALTER 01/2019

    Die politischen Themen in Deutschland sind derzeit mannigfaltig. Die politischen Parteien suchen verzweifelt nach Feldern, die ihre schwindende oder gefährdete Bedeutung verbessern. Dabei geht es vorrangig um Stimmanteile. Die tatsächliche Bedeutung der Themen tritt völlig in den Hintergrund. Besonders schlimm ist die Vernachlässigung des Klimawandels, dem weltweit eine absolut vorrangige Bedeutung eingeräumt werden müsste.

  • Hin zu 100% Erneuerbare Energien: Das Impuls-Papier der IRENA Coalition for Action

    Ein Einblick von Hans-Josef Fell, erschienen im SOLARZEITALTER 01/2019

    Vom 11. bis 13. Januar 2019 fand in Abu Dhabi die neunte Vollversammlung der International Renewable Energy Agency (IRENA) statt. Wie sich zeigte, ist die IRENA – mit mittlerweile 160 Mitgliedsnationen – eine der erfolgreichsten Initiativen von EUROSOLAR.