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Kohlenstoffabgabe statt CO2-Steuer

Artikel von Ulf Bossel, erschienen im Solarzeitalter 03/2018

Durch die steigende Konzentration von Kohlendioxid (CO2) in der Atomsphäre wird das Klima nachhaltig verändert. Die physikalischen Zusammenhänge sind glaubhaft geklärt und die Folgen des Klimawandels bereits erkennbar. Es ist höchste Zeit zu handeln.



Fast täglich wird eine Abgabe auf das bei Verbrennungsprozessen im Heizkessel, Kraftwerken und Verbrennungsmotoren freigesetzte CO2 gefordert. In bestimmten Bereichen der Energienutzung sind solche Abgaben bereits in Kraft. In der Regel basieren die Kriterien für die Bewertung des emittierten Klimagases auf technischen Merkmalen, was kaum zu verstehen ist. Gleich ob in einem Heizkessel, einem Kraftwerk oder einem Fahrzeugmotor, jedes mit dem Brennstoff zugeführte Kohlenstoffatom wird bei der Oxidation mit Sauerstoff zu einem klimaschädlichen CO2-Molekül. Aus jedem Kilogramm Kohlenstoff werden 3.67 kg Kohlendioxid CO2. Chemie und Physik kennen keine Unterschiede.

Man sollte jedoch unterscheiden zwischen der Freisetzung von CO2 aus fossilen Quellen und CO2 aus dem überirdischen biologischen Kreislauf. Ersteres, hier als „Geocarbon“ bezeichnet, trägt zur Klimaerwärmung bei. Letzteres, hier „Biocarbon“ genannt, ist umweltneutral, denn dieser Kohlenstoff wird der Atmosphäre beim Pflanzenwuchs entzogen und nach der Verbrennung der Biomasse in Form von CO2 wieder an die Luft zurückgegeben. Die Klimaerwärmung muss mit Massnahmen gegen die Freisetzung von „Geocarbon“ gestoppt werden. Mit einer allgemeinen CO2-Steuer wird aber auch umweltneutraler Biocarbon belastet, der als Ersatz für das schädliche Geocarbon eingesetzt wird. Die Technik für die Gewinnung, Umwandlung und Nutzung von Biomasse wird mit öffentlichen Mitteln gefördert. Mit einer allgemeinen CO2-Abgabe würde ihr der Marktzugang jedoch erschwert werden. Man muss bei CO2-Abgaben das klimaschädliche Geocarbon vom klimaneutralen Biocarbon getrennt erfassen.

Am einfachsten wäre es, die Umwelt-Abgabe auf den zugeführten Kohlenstoff zu beziehen und nicht auf das abgeführte CO2. Bei der chemischen Umwandlung ist der verwendete Energieträger bekannt. Abgabepflichtiges Geocarbon wird mit Kohle, Erdöl und Erdgas geliefert, Biomasse enthält abgabenfreies Biocarbon. Jedes auf dem Markt erscheinende Kohlenstoffatom kann also erfasst werden. Eine Tonne Kohle, Erdöl oder Erdgas enthält etwa 900, 850 oder 700 kg schädliches Geocarbon. Diese Werte variieren nur wenig mit Fundstelle und Qualität des geförderten Rohstoffs. Für die Ermittlung der Abgaben ist die Erfassung der schädlichen Biocarbon-Mengen problemlos möglich, gleich ob es sich um importierte Ware oder um fossile Energierohstoffe aus inländischer Förderung handelt. Heute ist ein CO2-Preis von 100 Euro pro Tonne im Gespräch. Für Geocarbon müsste eine Abgabe von etwa 30 Euro pro Tonne Kohlenstoff erhoben werden.

Mit Abgaben auf Geocarbon werden weitere Probleme gelöst. Ein wesentlicher Teil der fossilen Energieträger wird als chemischer Rohstoff verwendet. Erzeugnisse wie Kunststoffe, Farben, Schmieröle und dergleichen enden mit zeitlicher Verzögerung in Müllverbrennungsanlagen, wo der gebundene Kohlenstoff oxidiert und in Form von CO2 abgeben wird. Da bei der Abfallentsorgung auch Holz, Papier und Karton, also Stoffe aus dem Biocarbon-Kreislauf verbrannt werden, ist eine Trennung des CO2-Abgasstroms in Geo- und Biocarbon kaum möglich. Nach dem Verursacherprinzip wird mit der Geocarbon-Abgabe nur der klimaschädigende Kohlenstoff belastet, während das umweltneutrale Biocarbon unbelastet bleibt.

Auch schafft eine Kohlenstoffabgabe auf Geocarbon gerechte Verhältnisse bei der land- und forstwirtschaftlichen Produktion von Biomasse. Die Geocarbon-Belastung von Düngemitteln, Treibstoffen oder Strom für die Verarbeitung verteuert die geerntete Bioenergie etwas. Diese bleibt jedoch von weiteren Abgaben verschont und kann vorteilhaft vermarktet werden. Auch in diesem Fall wird der klimawirksame Kohlenstoffumsatz korrekt berücksichtigt und eine Doppelbelastung vermieden.

Ein weiteres Feld für die Einführung einer Geocarbon-Abgabe ist der internationale Flug- und Schiffsverkehr. Bisher konnten diese Luftverschmutzer nicht für ihren Beitrag zum Klimawandel haftbar gemacht werden, da sie ihre Abgase nicht in einem bestimmten Land, sondern auf internationalen Gewässern oder über fremden Gebieten in die Atmosphäre blasen. Regierungen können auf CO2-Emissionen nur dann mit Abgaben erheben, wenn diese auf eigenem Hoheitsgebiet die Luft belasten. Die Geocarbon-Abgabe kann jedoch bei der Tankfüllung am Flugplatz oder im Hafen erhoben werden, bevor ein Flugzeug startet oder ein Schiff ablegt. Abgaben werden auch in diesem Fall nur für Geocarbon fällig. Für die kostengünstige Tankbefüllung wäre abgabenfreier Biosprit eine attraktive Option.

Es gibt also viele Gründe, eine Abgabe auf Kohlenstoff aus geologischen Quellen einzuführen. Mit einer solchen Massnahme könnten alle Schwierigkeiten vermieden werden, die mit einer gerechten Gestaltung von CO2-Abgaben verbunden sind. Es ist nicht nachvollziehbar, dass CO2 aus einem Heizkessel anders bewertet wird als CO2 aus einem Fahrzeugmotor, einem Düsentriebwerk oder einem thermischen Kraftwerk. Für die Schädigung des Klimas können technischen Einrichtungen nicht verantwortlich gemacht werden. Die drohende Klimaveränderung hängt direkt von der Menge des aus geologischen Lagern „befreiten“ Geocarbons ab. Abgaben auf den mit Kohle, Erdöl und Erdgas dem Markt zugeführten Kohlenstoff scheinen eine sinnvolle, wirksame und einfach durchführbare Massnahme für eine nach dem Verursacherprinzip gerechte und problemlos realisierbare Lösung zur Begrenzung der Klimaerwärmung zu sein.

Da der eingesetzte Kohlenstoff nicht versteuert, sondern mit einer Abgabe belastet wird, müsste man sich auch über die Verwendung der im Abgabetopf gesammelten Gelder Gedanken machen. Sinnvoll wäre der gezielte Einsatz der Abgaben für die Finanzierung von Massnahmen zur schnellen Verwirklichung der Energiewende. Denkbar wäre die Finanzierung der Entwicklung von Anlagen zur Gewinnung, Speicherung und Transport von Energie aus erneuerbaren Quellen, und zur rationellen Nutzung von Energie im Allgemeinen. Auch können aus diesem Topf Forschung und Lehre im Bereich der Erneuerbaren Energie finanziert werden. Die Kohlenstoffabgabe könnte so mit doppelter Wirkung für eine schnelle Verwirklichung der Energiewende eingesetzt werden.

Ulf Bossel, Ph.D. (UC Berkeley), Dipl. Masch. Ing. ETH und Vorsitzender des Solarzeitalter-Redaktionsbeirats

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