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Windkraft im Verbund – Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durch regionale Kooperationen?

Artikel von Hanno Brühl, erschienen im Solarzeitalter 03/2018

Trotz ständig wechselnder Rahmenbedingungen ist der Markt der Erneuerbaren Energien nach wie vor ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor in Deutschland. Das gilt auch, obwohl nicht mehr Wachstumszahlen wie vor vier bis fünf Jahren vorliegen.

16,2 Milliarden Euro flossen im vergangenen Jahr in Deutschland in die Errichtung von Erneuerbare-Energien-Anlagen, etwas mehr als noch im Vorjahr. Waren es in der Vergangenheit vorwiegend Privatpersonen und Publikumsfonds, die den Ausbau von Windkraft, Solarenergie und Co. mit ihrem Geld finanzierten und vorantrieben, so tragen ihn heute vor allem Unternehmen. Darunter finden sich Finanz- und Versicherungskonzerne sowie Energieversorger und auch zahlreiche Stadtwerke.
Durch die Deckelung der jährlichen Ausbauziele und das niedrige Zinsniveau strömen immer mehr Investoren auf den Markt, insbesondere in der Stromerzeugung. Lassen sich durch regionale Kooperationen Wettbewerbsvorteile im Bereich der Windkraft gegenüber den Marktteilnehmern realisieren? Zur Klärung dieser Frage ist zu unterscheiden, welche Marktrolle in der Windbranche gemeint ist. Aus Sicht eines kommunalen Stadtwerks gibt es drei unterschiedliche Rollen: Projektenwicklung, Erwerb und Betrieb von Windparks.
Projektentwicklung

Die Projektentwicklung ist der aufwendigste und risikoreichste Teil eines Projekts im Bereich der Erneuerbaren Energien, insbesondere in der Windenergie. Alleine die Sicherung er Flächen ist mit einem großen Aufwand an Personalressource verbunden. Regionale Kooperationen mit örtlich verbundenen Stadtwerken können helfen. Meist befindet man sich aber in einem Wettbewerb mit privatwirtschaftlichen Akteuren, welche üblicherweise lediglich die Projektentwicklung, gegebenenfalls den Bau und dann den Verkauf des Projekts verfolgen. Dabei ist es egal, welcher Betreiber letztendlich das Projekt übernimmt. Obwohl mit anderen regionalen Akteuren beispielsweise Flächen der öffentlichen Hand mit einem nachhaltigen Betriebsmodell über viele Jahre ein Wertschöpfungspotential für die Region über mehrere Millionen in Aussicht stehen, vergeben Kommunen und das Land Flächen an die Höchstbietenden. Die Erfahrung des Autors zeigen eine 20/80 Verteilung zwischen Konzernzuschlag zu „Regionale Akteure“-Zuschlag bei der Vergabe von Pachtverträgen. Eine aufwändige Kooperation mit mehreren Akteuren, wie Projektentwickler, Energiegenossenschaften, privatem Flächenpool, etc. zur Sicherung von kommunalen oder landeseigenen Flächen ist zumindest im Südwesten kein lohnendes Modell, es frustriert vielmehr alle Parteien.

Erste Erfahrung bei EEG- Ausschreibungen

Mit Einführung des EEG 2.0 schreibt die Bundesnetzagentur (BNetzA) die Vergütungssätze für Erneuerbare Energien aus – zunächst die für Photovoltaikstrom aus Freiflächenanlagen, seit 2017 auch die für Windenergie. Durch die Ausschreibung der Vergütung will die Bundesregierung an der Kostenschraube drehen, so dass Verbraucher mit einer geringeren EEG-Umlage belastet werden. Die Bieter, die ihre Anlagen dann besonders kostengünstig errichten und den sauberen Strom daher billiger produzieren können, werden das Rennen machen und den Grünstrom-Markt prägen. Die ersten Ergebnisse scheinen die Kosten tatsächlich zu senken, allerdings gibt es eine deutliche Verschiebung der Projektrealisierung nach Norden, da der Süden so gut wie keine Zuschläge erhalten hat. Die Projektierungs- und Errichtungskosten sind meist aufgrund Windenergie im Wald und Berg höher, bei gleichzeitig weniger Windangebot. Aber: Kraftwerkskapazität wird dort geschaffen, wo die Nachfrage steigt und konventionelle Kraftwerke (AKW) abgeschaltet werden. Dieser positive Effekt auf den Netzausbau wird aber im EEG leider nicht berücksichtigt. Die lange geforderte und nicht umgesetzte integrale Planung von Erzeugung und Netz in Richtung Bedarf tritt bei der Betrachtung der Ausschreibungsergebnisse deutlich zu Tage.

Kleine Anbieter im Nachteil bei Entwicklung und Erwerb

Als Antwort auf die gewünschte Bürgerbeteiligung im Rahmen des Ausschreibungsregimes kamen Strohgesellschaften auf den Markt. Gesteuert wurden diese von vornehmlich größeren Projektentwicklern. Ungewollt führte dies wieder zu einer geringeren Vielfalt an Marktteilnehmern. Die Vorgaben des EEG 2.0 werden außerdem bewirken, dass die Anzahl der Akteure auf dem EE-Markt in Deutschland weiter sinkt. Ein Beispiel: In der ersten Ausschreibungsrunde wurden 40 % der neu installierten Gesamtleistung von Photovoltaikanlagen an ein einziges Unternehmen vergeben. Die Projektentwicklungskosten, welche notwendig sind, um ein Windprojekt für die Ausschreibung reif zu bekommen, belaufen sich leicht auf gut 500.000 Euro. Dieser Effekt hat im Südwesten dazu geführt, dass im Wesentlichen das „Bürgerunternehmen“ EnBW einen Großteil der Flächen, insbesondere des Landesforstes pachten konnte. EnBW hat die finanzielle Power, um mehrere Projekte parallel mit Risiko zu finanzieren. Andere, kleinteiligere Akteure, die mit Vor-Ort-Initiativen agiert haben, waren meist nur zweiter oder dritter Sieger bei den Ausschreibungen und bei der Vergabe von Flächenverträgen. Eine Kooperation mit einer Handvoll Stadtwerke und einer weiteren Handvoll regional agierender erfahrender Energiegenossenschaften mit langfristig verorteten Geschäftsmodell konnte bei den gebotenen Pachten nur selten mithalten. Da 70 % der Angebotswertung auf den monetären Teil fällt, wundert es nicht, dass die erteilten Zuschläge des Landesforstes und meist auch anderer öffentlicher Eigentümer überschaubar ausfallen.

Für den nachhaltigen Umbau der Energieversorgung ist dies nicht förderlich, denn gerade kleinere Anbieter sind wichtig, um ein bestehendes, kleinteiliges, fossiles und erneuerbares Energiesystem miteinander zu verzahnen. Egal ob Lastverschiebungspotenziale, die Vernetzung des Strom- und Wärmesektors oder Bürgerinitiativen, die sich gegen den Bau von Stromtrassen und EE-Anlagen wehren, die Akteure vor Ort werden am Ende die Herausforderungen der Energiewende meistern müssen. Dass man sie beim Ausbau der Erneuerbaren immer weiter an den Rand drängt, ist daher nicht zielführend.

Die Situation beim Erwerb von schlüsselfertigen Projekten im Bereich Wind- und Solarenergie stellt sich konsequenterweise für kleinere Wettbewerber nicht einfacher dar. Eine Kooperation mit anderen ergibt lediglich Vorteile, wenn diese optimal in Richtung Verkäuferunternehmen organisiert und schnell handlungsfähig ist. Eine Mindestanforderung, um überhaupt in erste Verhandlungen eintreten zu dürfen. Schlussendlich wird aber die regionale Kooperation gegenüber dem Investmentfond oder Energiekonzernen, sollten Sie in dem Sektor rein politisch agieren, unterlegen sein. Bei einer halbwegs risikoaffinen, aber langfristigen Kalkulation mit tatsächlicher Gewerbesteuerzahlung der Projektgesellschaft kann kein wettbewerbsfähiger Kaufpreis geboten werden. Aktuell sehen viele Stadtwerke und Energiegenossenschaften dem Käufermarkt einfach zu und hoffen auf einen Glücksfall, wie beispielsweise eine Pflichtbeteiligung von bürgernahen Organisationen oder eine Einzel-Windkraftanlage, die für Konzerne uninteressant ist.

Betrieb von EE-Gesellschaften

Können regionale Kooperationen in der Betriebsphase von EE-Gesellschaften einen Vorteil bewirken? Hier sieht der Autor eher ein „Ja“. Ein typischer Partner bei regionalen Kooperationen ist ein Stadtwerk. Der Betrieb von BHKWs in eigenen Fernwärmenetzen ist ein etabliertes Geschäftsfeld von Stadtwerken. Teilweise betreiben diese ihre mit Gas befeuerten Blockheizkraftwerke schon länger als 25 Jahre, und ihre technischen Mitarbeiter sind Experten, wenn es um die effiziente Erzeugung von Strom und Wärme mittels Kraft-Wärme-Kopplung geht. Neben dem technischen Fortschritt auf dem Gebiet der KWK-Technik sind es vor allem die veränderten Marktbedingungen, die heutzutage hohe Anforderungen an die Belegschaft der Stadtwerke stellen. Der Betrieb von Anlagen zur Stromerzeugung ist allerdings bei den meisten Stadtwerken vom technischen Betrieb her organisiert. Von der kaufmännischen Seite ergeben sich aber insbesondere in der Marktbewertung und den Vermarktungsprozessen Synergien. Gerade erst wurden Ausschreibungen von KWK-Vergütungen eingeführt. Ausschreibungsregimes sind aus dem EE-Bereich bereits bekannt, es können Erfahrungen bei Bieterstrategien genutzt werden, Direktvermarktungsangebote in oder außer Haus abgebildet und bewertet werden, bis hin zur Bereitstellung von „interner Ausgleichsenergie“, um eine kontinuierliche Stromerzeugung am Markt dar zu stellen.

Ein erfolgreiches Geschäftsmodell in der Stromerzeugung allgemein benötigt mehr Schnittstellen innerhalb des Unternehmens zwischen Energiebeschaffung, Betrieb, Fahrplanung und Controlling. Gelingt es, diese zu etablieren, sind gute Voraussetzung für einen reflektierten Betrieb von EE-Anlagen geschaffen. Gilt es beispielsweise, die kaufmännische Abwicklung der üblicherweise in GmbH & Co. KGs strukturierten Gesellschaften umzusetzen, kann die bestehende kaufmännische Abteilung der Stadtwerke helfen. So gelingt es, Schnittstellen zu externen Unternehmen zu senken und die Wertschöpfung bei einem regionalen Partner zu erhöhen.

EE-Anlagen sind direkt zu vermarkten, ähnlich KWK-Anlagen. Unter Umständen findet sich wiederum ein regionaler Partner, der den Strom an die Börse vermarkten kann. Die Energiegenossenschaften binden die Bürger per finanzieller und bestenfalls ideeller Beteiligung ein. Diese erhalten eine monetäre Rendite. Außerdem können sie die Erzeugungsanlagen „anfassen“, in dem sie Besuchergruppen begleiten. All diese Aspekte erlauben eine gute Perspektive für einen optimalen Betrieb von EE-Anlagen mit Hilfe regionaler Kooperationen mit Stadtwerken.

Langfristige Wettbewerbsvorteile der Stadtwerke zur Sicherung der Erneuerbaren Energien

Eher nachteilig wirkt sich aus, dass der EE-Markt zunehmend von großen Konzernen der Finanz- und Versicherungsbranche geprägt wird, die Wind- und Solarparks ausschließlich als Finanzvehikel verstehen.

Doch hinterfragt ein Stadtwerk selbstbewusst die etablierten Mechanismen der Welt der Erneuerbaren – also den Fakt, dass die EEG-Vergütung 20 Jahre gezahlt wird (die Anlagen laufen auch länger), die Anlagen zum großen Teil fremdfinanziert sind (es geht auch mit Eigenkapital), und Dienstleister die technische- und kaufmännische Betriebsführung übernehmen (was könnte man selbst übernehmen?) – können Wind, Sonne und Co. neben der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) zu einem wichtigen Standbein für die Stromerzeugung vieler Stadtwerke werden.
Denn egal wie problematisch der Einstieg in den Markt der Erneuerbaren Energien auch sein mag, wie groß die Marktmacht etablierter Unternehmen und wie widrig der gesetzliche Rahmen ist: Stadtwerke bereichern mit ihrem Wertesystem und ihrer verlässlichen Geschäftspolitik den Umbau des Energiesystems, ja bringen ihn sogar als langfristiger Partner entscheidend voran. Denn: Stadtwerke sind traditionsreiche Unternehmen; sie werden einen Windkraftstandort – genau wie ihre Wasserkraftwerke – jahrzehntelang betreiben. Ihre Wirtschaftspläne sind auf die Zukunft und nicht auf den kurzzeitigen Effekt in der Gegenwart ausgerichtet. Sie verfügen über die für den Betrieb großer EE-Anlagen so wichtige, stabile Finanzstruktur. Außerdem ist der Betrieb von Stromerzeugungsanlagen bei ihnen etabliert und damit besonders gut aufgehoben. Lediglich das Steuern möglicher Projektgesellschaften mag Neuland sein, doch es ist mit Sicherheit keine Aufgabe, die nicht zu bewältigen ist.

Bleibt der technische Part, von dem die Stadtwerke nach allgemeinem Verständnis am meisten verstehen. Aber gerade hier wird es schwierig, da die EE-Anlagen meist weit verstreut im Land liegen, und mit ihren Herstellern oder den Lieferanten von Modul- und Wechselrichtern teilweise Teilnehmer am Markt agieren, die ganz anders „ticken“ als Stadtwerke. Dennoch spielt auch hier das technische Grundverständnis und beispielsweise die Nutzung einer Leitwarte den Stadtwerken in die Hände.

Wollen die Energieversorger aber in der Zukunft die Aufgabe der Stromversorgung mit den Erneuerbaren bewältigen, ist eine größtmögliche Wertschöpfung und Steuerungshoheit notwendig. Weil das jedoch für viele Stadtwerke mit den benötigten Skaleneffekten schwer möglich ist, sind aus Erfahrung Kooperationen mit Gleichgesinnten sinnvoll, um sich dieser Aufgabe anzunehmen.

Hanno Brühl, Stadtwerke Tübingen, Bereichsleitung Energie und Innovation

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