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Editorial 03-2018

Editorial von Irm Scheer-Pontenagel, erschienen im Solarzeitalter 03/2018

„Es ist ein Wechsel von wenigen Großkraftwerken zu zahlreichen Kleinkraftwerken an vielen Standorten, und damit von wenigen Anbietern und konzentrierter Kapitalakkumulation zu vielen Anbietern, breit bestreuter Kapitalbildung und Wertschöpfung.“

Hermann Scheer (1944 – 2010)

 

Ein Energiesystemwechsel mit Erneuerbaren Energien (EE) kann nicht in den alten Strukturen erfolgen. Das bisherige „Versorgungsprinzip“ mit seinen undurchsichtigen Strukturen hat ausgedient. Die Ware Energie, die alle brauchen und bisher von einigen wenigen globalen Playern in zentralistischen Strukturen mit selbstherrlicher Preisbildung angeboten, hat sein Alleinstellungsmerkmal „Versorger“ verloren. Das Angebot der dezentralen EE überall auf der Welt kann heute von den Menschen vor Ort genutzt werden. Der Versorgte wird zum eigenverantwortlich Mitwirkenden – Energieautonomie findet in den Häusern, Städten und Regionen statt.

Diese enge Verknüpfung von Produktion und Nachfrage ist der entscheidende Vorteil des Energiesystemwechsels mit EE weltweit. Erfolge beim Einsatz der EE geben Millionen Menschen neue Chancen. Mehr als 1.000 Gigawatt Photovoltaik (PV) und Windkraft sind weltweit installiert – davon 90% in den letzten zehn Jahren. Die Windkraft hat noch immer die Nase vorn, es wird aber erwartet, dass die PV ab 2020 diese Spitzenposition übernimmt. Das war zu erwarten, so verzeichnet die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) ein weltweites spektakuläres Wachstum bei Offgrid Anlagen und betont die breite Palette von Endanwendungen mit erheblichen sozioökonomischen Vorteilen. (IRENAnews, Seite 60). Der REN21 Bericht zum Stand des EE-Ausbaus hebt das starke Wachstum der EE im Stromsektor hervor, vermerkt zugleich einen dringenden Handlungsbedarf im Wärme-, Kälte- sowie im Verkehrssektor.

Auch in Deutschland haben im Juli PV-Anlagen mit mehr als sechs Terawattstunden für einen neuen Rekord gesorgt. Das Sommerhoch hat zudem am 2. Juli mit 29.100 Megawatt die bisher höchste PV-Einspeisung gebracht – soviel wie die Leistung von fast 25 Atomkraftwerken. Im ersten Halbjahr dieses Jahrs lag der Anteil der Netto-Stromerzeugung aus allen EE laut Fraunhofer ISE bei 41% und überstieg damit erstmals die Leistung der Kohlestromproduktion.

Die Nutzung der Windkraft von circa 30.000 Anlagen in Deutschland erfolgt nicht nur über die Küstenstandorte als den so genannten effizientesten Standorten. Der Wind weht überall und eine sinnvolle Kosten-Nutzen-Rechnung korrespondiert zwischen Nachfrage, Produktion und räumlicher Verknüpfung, die aber durch politische Einflussnahme regional unterschiedlich beeinflusst wird.

Kein Energiesystem kommt zur Lieferung einer gleichmäßigen Leistung ohne Speicher aus. Das gilt besonders für das fluktuierende Angebot der EE. Die Entwicklung eines umfassenden Speicherangebots – auch auf der Basis neuer digitaler Möglichkeiten – ist erfolgreich fortgeschritten. Jährlich werden die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Entwicklungen auf dem Speichermarkt auf der Internationalen Speicherkonferenz (IRES) vorgestellt. Überkapazitäten von PV- und Windkraftstrom, aber auch regionale Biomasse und Wasserkraft sind als breite Palette von Speicheroptionen der jeweiligen Region zur Sektorenkopplung einsetzbar und bilden die Grundlage für die Gesamtversorgung mit EE. Dabei sind die Rahmenbedingungen und der politische Wille die Produktion von EE umfassend zu steigern, unumgänglich und ausschlaggebend. Fabio Longo holt mit seinem Beitrag die Rolle der Kleinwasserkraft als wichtigen Baustein in der dezentralen Energiewende in die politische Debatte zurück.

Der Energiesystemwechsel mit EE bedeutet für Verteilnetzbetreiber (VNB) auf regionaler Ebene ein immer umfassenderes Flexibilitätsmanagement. Diese erwarten zu Recht politische und gesetzliche Unterstützung. Johannes van Bergen ist zuzustimmen, wenn im SOLARZEITALTER-Interview kritisiert, dass behindernde regionale Ausschreibungen bei EE-Anlagen z.B. bei Windstrom in NRW oder in Süddeutschland völlig kontraproduktiv seien und aufgehoben werden müssten – wie auch energiewirtschaftliche Behinderungen beim Speicherbetrieb von EE-Strom. Ein Flexibilitäts- und Speichergesetz brächte bedeutend bessere Möglichkeiten zur Integration von EE- Strom.

In diesem Zusammenhang wäre es angebracht, die Energiefrage mehr ins Licht „Gemeingut“ und damit der öffentlichen Daseinsgestaltung zu rücken. Kommunen und ihre Stadtwerke geht es um mehr „Autonomie“ bei Flexibilitätsoptionen, mit neuer gesetzlicher Basis zwischen den zurzeit ungleichen Partnern den ÜNB und VNB. Hanno Brühl (Seite 22) betont, dass bei Ausschreibungen für Windkraftprojekte kleine Anbieter im Nachteil seien. Für den nachhaltigen Umbau der Energieversorgung sei das nicht förderlich, denn gerade kleinere Anbieter sind wichtig, um ein bestehendes, kleinteiliges, fossiles und erneuerbares Energiesystem miteinander zu verzahnen. Egal, ob Lastverschiebungspotenziale, die Vernetzung des Strom- und Wärmesektors oder Bürgerinitiativen, die sich gegen den Bau von Stromtrassen und EE-Anlagen wehren, die Akteure vor Ort werden am Ende die Herausforderungen der Energiewende meistern müssen.

Dezentrale Stromerzeugung verträgt sich nicht mit Supergrid-Konzepten. Auf diesen grundsätzlichen Konflikt hat Hermann Scheer mehrfach verwiesen. Das SOLARZEITALTER dokumentiert eine Passage zu diesem Prioritätenkonflikt aus dem „Energethischen Imperativ“ (Seite 27). Einen Kommentar zu der in Gang gekommenen Netzausbau-Debatte um Trassen wie HGÜ-Leitungen oder Optimierung regionaler Verteilnetze lesen Sie auf Seite 26.

In der Gesellschaft wird sich bei fortscheitender Entwicklung von Speichertechniken der Wunsch nach Autarkie – vom privaten Haus, dem Mieterstrommodell bei der Quartiersgestaltung oder dem lokalen Inselnetzbetrieb mit EE – mehr und mehr umsetzen. Dieser Wunsch nach Autarkie wird immer dann gestärkt, wenn unverständliche gesetzliche Strukturen und politische Rahmenbedingungen, wie sie durch die Deformierung des EEG erfolgten, nicht korrigiert und Entwicklungen gefördert werden, in denen diejenigen Akteure politischen Einfluss gewinnen, die sich nicht am Gemeinwohl, sondern an der Gewinnmaximierung orientieren. Es ist nicht vermittelbar, eigenverantwortlichen Versorgern – „Prosumern“ – Hürden aufzubauen. Dazu zählen die finanzielle Belastung des PV-Eigenverbrauchs und auch die Meldepflicht von Speichern an die Netzagentur. Der EU-Trilog empfiehlt unter anderem keine Belastung bei PV-Eigenverbrauch bis 30 Kilowatt. Für Deutschland muss daher neben der Sonnensteuer auch der Ausbaudeckel für PV im Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) fallen.

Die verallgemeinernde und häufig geäußerte Unterstellung, dass für die meisten Menschen ein Handeln nur als lukratives Geschäft interessant sei, ist hier widerlegt. Der Prosumer, der heute nach Autarkie strebt, auch wenn es ihn mehr kostet, hat andere Gründe, als dass sich seine Investition rechnet – vergleichbar mit dem Gartenbesitzer, der sich gern selbst mit Obst und Gemüse versorgt. Es geht um eine Art Selbstversorgung, die möglich geworden ist und genutzt wird – aus welchen Gründen auch immer. Dies sollte respektiert und politisch weder behindert noch diskriminiert werden, denn sie nützt allen.

Schon Ende der 1990er Jahre wurde – nicht zuletzt durch EUROSOLAR – wegen der Erfahrungen in Großbritannien und Irland vor Ausschreibungsmodellen gewarnt. Heute wird in mehreren Ländern das Modell EEG, in anderen das Ausschreibungsmodell umgesetzt. Studien belegen, dass weder die Kostendegression der Techniken bei der Windkraftnutzung oder Photovoltaik dem Modell Ausschreibung zuzuschreiben ist noch fehlen andere wichtige Erfolgskriterien, wie die tatsächliche Realisierung der bewilligten Projekte oder – was noch entscheidender ist – die Vielfalt der Akteure. So wurden zum Beispiel in Südafrika zwar mit dem Ausschreibungsmodell alle Projekte umgesetzt, jedoch mit der Konsequenz, dass der Markt nun von großen internationalen Konzernen dominiert wird. In Deutschland mangelt es sowohl an der Umsetzung der bewilligten Projekte als auch an der Vielfalt der Akteure.

Die Lobby der Braun- und Steinkohle hält eisern an der Stromerzeugung fest und will diese noch lange fortführen. Axel Berg setzt sich ausführlich mit den fossilen Energieträgern auseinander. In die beginnende Debatte um angemessene Strafen für die Luftverschmutzung durch CO2-Ausstoß greift Ulf Bossel mit dem Vorschlag einer Kohlenstoffabgabe ein und Gert Samuel hinterfragt die vielfach gelobte neue EU-Richtlinie zum Emissionshandel vom 8. April 2018. Wibke Brems zieht nach gut einem Jahr schwarz-gelber Landesregierung in Nordrhein-Westfalen eine erste Bilanz mit Blick auf die Auswirkungen für die Energiewende im Bundesland.

Das Symposium „Ein Europa der Erneuerbaren Energien“ am 27. September 2018 in Berlin aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums von EUROSOLAR will politische Impulse für den Ausbau der EE in Europa vermitteln. Erinnerungen an und persönliche Eindrücke zu 30 Jahren EUROSOLAR lesen Sie in den Beiträgen von Monika Ganseforth, Helmut Tributsch, Hartmut Wendt sowie Lothar Binding.

Eine Übersicht zu drei Einzel-Gewerkschaften sowie zum DGB mit Blick auf deren Positionierung zu Erneuerbaren Energien war ein Thema im SOLARZEITALTER 1/2018. Dajana Kratzer-Rudolf antwortet für die IG Metall, die die Energiewende industriepolitisch gestalten will. Auf EU-Ebene ist Frankreich für unser Land ein wichtiger Nachbar. Christoph Habermann und Andre Langwost (Seite 58) vermitteln aktuelle Entwicklungen und Eindrücke zur Energiewende à la France.

Schließlich finden Sie die beiden Meinungsbeiträge von Hans-Josef Fell zum Volksbegehren Klimaschutz in die bayerische Verfassung sowie von Franz Alt zum Verhältnis von Klimaschutz und Flüchtlinge. Auf Seite 65 rezensiert Joachim Nitsch das neue Buch von Franz Alt „Lust auf Zukunft“.

Das vollständige Editorial finden Sie hier als PDF-Dokument.

 

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    Hermann Scheer (1944 – 2010)

  • Ein Flexibilitäts- und Speichergesetz ist dringend geboten

    Interview mit Johannes van Bergen, erschienen im Solarzeitalter 03/2018

    Die 12. EUROSOLAR-Stadtwerkekonferenz zeigte: Neue Geschäftsfelder für Stadtwerke und kommunale Versorgungsunternehmen stehen künftig ebenso im Zentrum wie neue Anforderungen und Chancen durch Stichworte wie Rolle der Verteilnetze, Sektorkopplung und Digitalisierung.

  • Kohle: Der nie enden wollende Sinkflug der Deutschen liebster Energie

    Artikel von Axel Berg, erschienen im Solarzeitalter 03/2018

    Die Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“, vulgo Kohlekommission, ist eine Farce. Vertreter aus der Kohleindustrie und den Braunkohlereviere werden sich selbst kaum ein Austrittsdatum setzen, das mit den Klimazielen kompatibel ist. Das zu tun ist Aufgabe der Politik. Und die drückt sich und spielt auf Zeit.

  • Wasserkraft – ein starkes öffentliches Interesse

    Mit der Kleinwasserkraft ist eine Säule der dezentralen Energiewende in Gefahr

    Artikel von Fabio Longo, erschienen im Solarzeitalter 03/2018

    Die Kleinwasserkraft ist nach ganz aktueller Rechtsprechung ein „gewichtiges“ bzw. sogar ein „übergeordnetes“ öffentliches Interesse (so das Oberverwaltungsgericht Koblenz in 2017 bzw. der Europäische Gerichtshof in 2016).