Von Irm Scheer-Pontenagel, erschienen im SOLARZEITALTER 2-2022.

„Unaufhaltsamer Aufbruch oder Rückschlagsgefahr?“

Hermann Scheer (1944 – 2010)

Gobalisierung: Wandel durch Handel, ein über die Jahrhunderte andauerndes „Zusammenwachsen“ der Welt, mit neuen Techniken gestaltet in bisher nicht gekanntem Ausmaß, mit unvorstellbarer Geschwindigkeit. Ein Austausch von Waren und Menschen als „Win-Win-Hoffnungen“ für alle, zudem mit steigendem Konfliktpotenzial. Interessensicherung und Interessenausgleich bringen Folgen mit sich, die zu bewältigen sind. Stärken und Schwächen sind auszugleichen. Dabei sollte Diplomatie der Treiber sein, um gefährliche Mittel der Konfliktlösung zu verhindern.

Nationen im Welten-Wettkampf: Das ist und war der „Welten-Lauf“ mit Diplomatie und Kriegen bis zu dem Zeitpunkt, als die Folgen des menschengemachten Klimawandels die Nationen zu gemeinsamen Handlungen zwangen – so sollte man den „Fortgang der Geschichte“ erwarten.

Vorausgesagt und angekündigt bleiben aber die weltweiten Maßnahmen gegen diese existentielle Bedrohung unbefriedigend. Die Menschheit bleibt in der weltweiten Tagespolitik verhaftet. Der klimarelevante Ressourcenverbrauch steigt weiter – Kriege statt Diplomatie werden fortgesetzt, obwohl irreversible Schäden immer wahrscheinlicher werden. Die Verursacher haben es gewusst und das schon lange! Eine verantwortungsvolle Politik muss sich dieser Entwicklung entschiedener entgegenstellen. Politik mit anderen Mitteln ist gefragt – Diplomatie und Solidarität.

Energie ist die Grundlage jeden Lebens. Der Menschheit bietet das Sonnensystem dazu die Grundlage – eine Binsenweisheit, die man leider immer wieder betonen muss. Es bleibt der Konflikt um fossile Ressourcen, der ist aktueller denn je. Der erneute Zugriff auch in Deutschland aus der „Not“ heraus – mit allen Folgen – ist Realität. Da bleibt die Frage: Wie lange? Oder hat man sich mit dem Gedanken – es geht ja nicht anders – arrangiert? Diejenigen, die es immer schon wussten – Energiewende mit Erneuerbaren Energien braucht Zeit – fühlen sich bestätigt. Begriffe wie „Dunkelflaute“ und „Grundlastsicherung“ werden in neuem Licht gesehen.

Der dezentrale Energiesystemwandel mit regionaler Wertschöpfung hatte erfolgreiche Wege aufgezeigt. Eine autonome Energieversorgung über Erneuerbare Energien schien machbar. Jährlich kommen neue Erfahrungen aus der Praxis dazu und werden seit 1995 von EUROSOLAR mit dem Deutschen und Europäischen Solarpreis ausgezeichnet. Da kein Energiesystem ohne Speicher auskommt, war die Einrichtung einer internationalen Konferenz zum Austausch der Wissenschaft über Speicherfragen vorausschauend. Denn jedes Energiesystem braucht Speicher, entweder vor der fossilen Ressourcennutzung als „Halde oder Quelle“ oder aus „Sonne und Wind“ für Strom und Wärme nach der Umwandlung. Wasserkraft und Biomasse bringen ihre Speicheroption direkt mit. EUROSOLAR führt daher seit 2006 jährlich erfolgreich die internationale Speicherkonferenz Erneuerbare Energie IRES durch, so auch in diesem Jahr. Dennoch ist die Entwicklung in Deutschland in den letzten zehn Jahren unbefriedigend. Zudem wird sie von falschen politischen Entscheidungen geprägt. Der Einbruch der PV- und Windkraftnutzung sind die Folgen. Eine konsequente Weiterführung des Ausbaus der Erneuerbaren ließe heutige Energie-Probleme nicht in diesem Maße aufkommen.

Weichenstellungen als Gesetze und Ausführungsbestimmungen stehen zurzeit im Focus der Diskussion. EU-„Oster- oder Winterpaket“ setzen Rahmenbedingungen, die grundlegend für den Energiesystemwandel mit Erneuerbaren Energien und seine Umsetzung sein werden. Neue Techniken bieten ein umfassendes breiteres Feld der privaten Beteiligungsmöglichkeiten an einer autonomen Energieversorgung bis zur Autarkie. Es ist entscheidend, ob die neuen Regelungen fördernd oder begrenzend sein werden. Diese Entwicklung zu kommentieren, zu kritisieren oder zu stützen ist die Aufgabe. EUROSOLAR ist mit seinen internationalen Sektionen „Stimme der Erneuerbaren Energien“ in EUROPA und sollte gehört werden.

Das SOLARLZEITALTER dokumentiert vorrangig die Aktivitäten von EUROSOLAR. Es informiert und regt zur Diskussion an. Als Organisation, deren Hauptziel es ist, die Energiesystemwende mit Erneuerbaren Energien als wichtigsten Garanten gegen den Klimawandel  einzufordern, liegt hier ein besonderer Schwerpunkt. Dabei stehen noch immer die Diskussionen um zentrale oder dezentrale Strukturen gegeneinander, Versorgung gegen Autonomie. Es ist ein Rückschritt in alte Abhängigkeiten, wenn politisch für die Systemwende mit Erneuerbaren Energien die zentralen Versorgungsstrukturen mit den gleichen Akteuren und Trägern in weltweitem Maßstab empfohlen werden. Von der Quelle her denken, bleibt die Forderung und die ist dezentral wie ihre Nutzer.

In diesem Sinne für die Energiesystemwende mit Erneuerbaren Energien wirken seit 1989 alle Beiträge der Autorinnen und Autoren sowie die Interviews und Berichte im SOLARZEITALTER mit immer überzeugenden Argumenten und Beispielen aus der Praxis.

Digitalisierung und technische Entwicklungen haben die Medienlandschaft verändert, so auch das SOLARZEITALTER, das – im Wechsel mit der Digitalform EUROSOLARTIMES (englisch) – nur noch zweimal jährlich erscheint. Printmedien haben es schwerer und doch scheint mir gerade der Wunsch nach dem Lesen nicht nur über den Bildschirm wieder eine größere Wertschätzung zu erfahren. Daher hat mich die Initiative „Wieder Hermann Scheer lesen“ sehr gefreut. Über dreißig Jahre habe ich EUROSOLAR in unterschiedlichen Positionen und Aufgaben begleitet und gestaltet. Besonders ans Herz gewachsen ist mir dabei unsere Mitgliederzeitung SOLARZEITALTER (SZA) und meine Rolle als Herausgeberin, die ich mit dieser Ausgabe beenden möchte. Wie man so schön sagt: alles hat seine Zeit! Trotzdem fühle ich mich EUROSOLAR und dem SZA sehr verbunden und werde mich gern weiterhin mit Beiträgen einmischen. Zum Schluss ein Zitat aus dem Buch „Energieautonomie“ von Hermann Scheer, weil es so gut zur Zeit passt!

Unaufhaltsamer Aufbruch oder Rückschlagsgefahr?

„Dass allenthalben Sympathie für erneuerbare Energie geäußert wird, gehört mittlerweile zum guten Ton der Energiediskussion. Doch sagt dies nichts darüber aus, welchen Stellenwert den erneuerbaren Energien tatsächlich zugemessen wird – ein erst-, zweit- oder drittrangiger, ein echter oder ein geheuchelter. Denn mit der Zahl der ernsthaften Befürworter erneuerbarer Energien mehren sich auch die Lippenbekenntnisse und die Ausreden, warum den Worten allzu häufig keine entsprechenden Taten folgen. Dabei war noch nie eine neue Energieoption so überzeugend begründbar. Noch nie ist eine neue Energietechnologie bis in alle Facetten so detailliert ausgeleuchtet worden, um skeptische Fragen beantworten und notorisch gestreuten Desinformationen begegnen zu können. Noch nie gab es eine Energieperspektive mit so vielen gesellschaftlichen Vorteilen, weit über die unmittelbare Energieversorgung und den Umweltschutz hinaus. Daran gemessen müssten längst prioritäre Strategien eingeleitet sein, um erneuerbaren Energien auf breiter Front zum Durchbruch zu verhelfen und widerstrebenden Kräften entschieden entgegenzutreten – ob in Politik, Privatwirtschaft oder Wissenschaft.“

Ich wünsche ein interessantes Lesevergnügen.

Irm Scheer-Pontenagel